Fast die Hälfte der 207 in Deutschland etablierten Arten und Unterarten der Tagfalter und Widderchen sind mittlerweile bestandsgefährdet oder bereits ausgestorben. Rund einem Viertel der Arten geht es inzwischen schlechter als vor 14 Jahren. Einige wenige – zumeist wärmeliebende Arten – konnten sich erholen. Das zeigt die neue Rote Liste der Tagfalter und Widderchen, die vom Bundesamt für Naturschutz gemeinsam mit dem Rote-Liste-Zentrum veröffentlicht wurde und jetzt als Printversion erhältlich ist. Die intensive Landwirtschaft gilt weiterhin als Hauptursache des Rückgangs von Schmetterlingen.
Bonn, 21.1.2026. Zusätzlich zu sechs bereits bekannten ausgestorbenen Schmetterlingen müssen jetzt vier weitere, nämlich der Loreley-Dickkopffalter, die Brocken-Erebie, der Östliche Quendel-Bläuling und das Südwestdeutsche Grünwidderchen in Deutschland in die Kategorie „Ausgestorben oder verschollen“ eingestuft werden. So konnte der Loreley-Dickkopffalter trotz intensiver Suche nicht mehr gefunden werden, er wurde zuletzt 1985 am Mittelrhein gesichtet. Besonders dramatisch ist die Situation beim Mosel-Apollofalter. Diese weltweit nur in Deutschland vorkommende Unterart des Apollofalters wurde erstmals als „Vom Aussterben bedroht“ eingestuft.

Die Anzahl der Schmetterlingsarten in den Gefährdungskategorien zeigt: Fast die Hälfte der Arten ist bestandsgefährdet oder bereits ausgestorben.
Grafik: RLZ
In der aktuellen Roten Liste wird die Gefährdung der 207 in Deutschland etablierten Taxa (Arten und Unterarten) aus den Gruppen der Tagfalter und Widderchen bewertet. Insgesamt 93 von ihnen (44,9 %) gelten als bestandsgefährdet (Taxa in den Rote-Liste-Kategorien 1, 2, 3, G). Darunter befinden sich 13 Taxa, die unmittelbar vom Aussterben bedroht sind, 51 gelten als stark gefährdet und 27 als gefährdet. Für 2 Taxa konnte die Gefährdungslage nicht eindeutig ermittelt werden, 10 Arten sind bereits ausgestorbenen. Lediglich 71 Taxa, also rund ein Drittel, gelten derzeit als ungefährdet.
Im Vergleich zur vorherigen Roten Liste aus dem Jahr 2011 ist bei 49 Taxa (23,7%) nun eine Verschlechterung ihres Gefährdungszustandes zu verzeichnen, während sich die Situation bei 29 Taxa (14,0 %) verbessert hat. Bei genauerer Betrachtung der Gründe für die Erholung und weitere Ausbreitung zeigt sich allerdings, dass diese Tendenzen häufig auf eine verbesserte Datenlage zurückzuführen sind. Die Verschlechterung der Gesamtbilanz beruht größtenteils auf realen Veränderungen der Gefährdungssituation.
Zu den erfreulichen Tendenzen gehört, dass sich einige Bestände vormals gefährdeter Arten wie die des Weißen Waldportiers erholt haben. Auch andere wärmeliebende Arten wie der Brombeer-Perlmuttfalter und der Karst-Weißling breiten sich deutlich aus – sie profitieren vom Klimawandel.
Der Mosel-Apollofalter ist vom Aussterben bedroht. Er kommt weltweit nur in Deutschland vor
Foto:Jürgen Becker
Als bedeutendste Gefährdungsursachen identifizierten die Autoren der Roten Liste die Auswirkungen der intensiven Landwirtschaft sowie Einflüsse des Klimawandels. Trotz besorgniserregender Entwicklungen gibt es auch Chancen für den Schutz unserer Schmetterlinge: landwirtschaftliche Flächen nachhaltig bewirtschaften, Schutzgebiete besser vernetzen, artenreiche Lebensräume gezielt fördern.
Eine besonders wichtige Schutzmaßnahme für Deutschlands Schmetterlinge besteht darin, kleine isolierte Schutzgebiete zu vergrößern und besser zu vernetzen. Durch eine gut angepasste Nutzung oder Pflege sind sie als Lebensstätten und Reproduktionshabitate zu erhalten. Die Autoren empfehlen außerdem: Der Pestizideinsatz in Dauerkulturen ist deutlich zu reduzieren; bei der Bewirtschaftung von Wiesen und Weiden sollten arten- und blumenreiche Vegetationsbestände gegenüber artenarmen, auf Massenertrag ausgerichteten Grasbeständen stärker gefördert werden.
Rote-Liste-Autor Dr. Martin Musche vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung erklärt: „Da viele gefährdete Arten Lebensräume des Offenlandes besiedeln, kommt der schmetterlingsfreundlichen Nutzung nährstoffarmen Grünlandes eine besondere Rolle zu. Um nektarblütenreiche Vegetationsbestände auf Wiesen und Weiden zu fördern, sollte die Mahdhäufigkeit in Teilbereichen reduziert und auf eine zusätzliche Düngung verzichtet werden. Aber auch in den Wäldern lässt sich viel erreichen, zum Beispiel durch die Schaffung lichter Strukturen und die Erhaltung von Säumen. Außerdem bedarf es einer Verminderung des Eintrags von Stickstoff und Pestiziden in die Lebensräume der Arten."
Die aktualisierte Fassung der Roten Liste der Tagfalter und Widderchen wurde von 26 Experten aus allen Teilen Deutschlands erstellt. Sie stammen aus der Zoologie – insbesondere der Lepidopterologie (Schmetterlingskunde), der Freilandökologie und der Naturschutzbiologie. Zusätzlich wurden diese von Fachvereinigungen, regionalen Arbeitsgemeinschaften und Landesbehörden sowie von zahlreichen Einzelpersonen unterstützt.
"Rote Listen sind für den Naturschutz eine wichtige Argumentationsgrundlage, mithilfe derer man Gebiete unter Schutz stellen kann, weil man mit ihnen Schutzmaßnahmen begründen und auch Maßnahmen in einem Schutzgebiet priorisieren kann", sagt Daniel Müller, einer der jüngsten Autoren der Roten Liste der Tagfalter und Widderchen. „Leider stellt sich die Gesamtsituation für die Tagfalter und Widderchen abermals deutlich schlechter dar als bei der vorherigen Roten Liste von 2011".
Die bundesweiten Roten Listen werden vom Bundesamt für Naturschutz herausgegeben und in dessen Auftrag vom Rote-Liste-Zentrum koordiniert. Sie werden sukzessive in einem Turnus von rund zehn Jahren neu aufgelegt. Sie sind sowohl im Buchformat als auch als kostenfreie digitale Veröffentlichungen erhältlich.
In den Roten Listen wird die Gefährdungssituation von Tier-, Pflanzen- und Pilzarten für den Bezugsraum Deutschland dargestellt. Sie sind zugleich Inventarlisten für einzelne Artengruppen und bieten Informationen nicht nur zu den gefährdeten, sondern zu allen in Deutschland vorkommenden Arten der untersuchten Organismengruppen. Die Autorinnen und Autoren bewerten die Gefährdungssituation insbesondere anhand der Bestandssituation und der Bestandsentwicklung. Die Grundlagen für die Gefährdungsanalysen werden von einer großen Zahl von ehrenamtlichen Artenkennerinnen und Artenkennern ermittelt. Die Roten Listen selbst werden von den Autorinnen und Autoren ebenfalls in weiten Teilen ehrenamtlich erstellt.
Rote Listen stellen eine entscheidende Grundlage für den Schutz der Artenvielfalt in Deutschland dar. Sie dokumentieren den Zustand von Arten und mittelbar die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Natur. Damit sind sie Frühwarnsysteme für die Entwicklung der biologischen Vielfalt.

Die neue Rote Liste.
BfN/RLZ
• Hintergrundinformationen zur Roten Liste der Tagfalter und Widderchen
• Rote Listen als kostenfreie elektronische Veröffentlichung zum Download
• Rote Listen in Buchform, zum Bestellen
• Artsteckbriefe und Artensuchmaschine: Rote-Liste-Zentrum