Erstellung und Methodik

Die vom Bundesamt für Naturschutz herausgegebenen Roten Listen werden seit 2005 nach einer einheitlichen Methodik erstellt. Der Erstellungsprozess ist in mehrere Abschnitte unterteilt.

Der Erstellungsprozess

Schritt 1: Die taxonomische Checkliste

Für jede zu bearbeitende Organismengruppe wird zunächst eine Checkliste der in Deutschland nachgewiesenen Arten und Unterarten zusammengestellt. Außerdem wird vermerkt, welche von ihnen in Deutschland einheimisch sind und welche erst vom Menschen hierher verschleppt wurden („Neobiota“). Die Autorinnen und Autoren einer Roten Liste entscheiden, ob sie eine Gefährdungseinschätzung (siehe Schritt 3) für die Neobiota ihrer Organismengruppe vornehmen. Gesondert gekennzeichnet werden auch Arten, die in Deutschland erst unbeständig vorkommen, aber hier nicht etabliert sind.

Schritt 2: Die Datensammlung

Zusätzlich zur Erstellung oder Aktualisierung der taxonomischen Checkliste sammeln die Autoren und Autorinnen einer Roten Liste alle verfügbaren Bestandsdaten. Sofern dies für länger zurückliegende Zeiträume bereits im Rahmen früherer Fassungen umfangreich geschehen ist, kann sich die Datensuche und -akquise auf den Zeitabschnitt seit der letzten Aktualisierung konzentrieren. Relevante Daten können beispielsweise bei den Naturschutzbehörden der Länder, bei Fachgesellschaften, Naturkundemuseen, den Koordinatoren regionaler Kartierungsprojekte, Planungsbüros oder bei forschenden Einzelpersonen vorliegen. Weitere Erkenntnisse ergeben sich aus der Auswertung von Einzelveröffentlichungen, Museumssammlungen oder durch die gezielte Nachsuche an früheren Fundorten. Es stehen vielfach auch Nachweisdaten aus Citizen-Science-Projekten zur Verfügung, die nach Prüfung und erfolgter Bestätigung durch Expertinnen und Experten in die Datensammlung eingehen.

Schritt 3: Die Gefährdungsanalyse

Für die Gefährdungsanalyse werden die Informationen, die zur Bestandssituation und zu den Bestandstrends jeder heimischen Art vorliegen, in folgenden Kriterien abgebildet:

1) Aktuelle Bestandssituation
2) Langfristiger Bestandstrend
3) Kurzfristiger Bestandstrend
4) Sonderfälle (früher: Risikofaktoren und Sonderfälle)

Die Informationen oder Schätzungen zu den drei ersten Kriterien werden in Skalen mit vorgegebenen Schätzklassen eingeordnet. Mit dem vierten Kriterium wird die Wirkung von Risikofaktoren und stabilen Beständen erfasst. Die Gefährdungsanalyse wird durch erfahrene Expertinnen und Experten vorgenommen.

Aktuelle Bestandssituation
Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum) im Anflug auf eine Blüte. Foto: Dr. Horst Schwabe.

Das Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum) breitet sich aufgrund der Klimaerwärmung immer weiter nach Norden aus und ist im Sommer auch in Deutschland zu finden.

Foto: Dr. Horst Schwabe

Die aktuelle Bestandssituation soll den Umfang der heute in Deutschland etablierten Populationen einer Art quantitativ abschätzen. Da solche Daten nicht für einen bestimmten Zeitpunkt erhoben werden können, werden Beobachtungen aus den vergangenen 10 bis maximal 25 Jahren betrachtet. Dabei werden Nachweise vom selben Ort aus unterschiedlichen Jahren nur einfach gezählt. Für schwierig nachweisbare Arten sind indirekte Ableitungen möglich. Für die Einschätzung der aktuellen Bestandssituation wird jede Art in eine von acht Klassen (sehr häufig, häufig, mäßig häufig, selten, sehr selten, extrem selten, ausgestorben oder verschollen, unbekannt) eingestuft.

Langfristiger Trend

Der langfristige Trend beschreibt die Entwicklung z. B. während der vergangenen 100 Jahre. Es werden also die heutigen Bestandsgrößen mit denen um 1920 verglichen. Die Veränderungen werden in einer Skala von sieben Klassen (sehr starker Rückgang, starker Rückgang, mäßiger Rückgang, Rückgang im Ausmaß unbekannt, gleichbleibend, deutliche Zunahme, Daten ungenügend) eingeordnet.

Kurzfristiger Trend

Der kurzfristige Trend gibt die möglichen Veränderungen während der vergangenen 10 bis 25 Jahre wieder – ein Zeitraum, der zusätzlich zu vorliegenden Trenddaten von vielen Experten aus persönlicher Anschauung beurteilt werden kann. So lassen sich aktuelle Tendenzen besonders berücksichtigen. Auch die zum kurzfristigen Trend vorliegenden Informationen werden in Klassen eingeordnet, die denen des langfristigen Trends entsprechen.

Sonderfälle

Das Kriterium „Sonderfall“ verknüpft zwei Prognosen: Zum einen wird vorhergesagt, ob sich der kurzfristige Trend aufgrund besonderer Risiken in den nächsten zehn Jahren verschlechtern wird (beispielsweise von bisher „gleich bleibend“ hin zu „mäßiger Abnahme“) oder nicht. Zum anderen wird abgeschätzt, ob eine Art bei Fortbestehen der jetzigen Gefährdung in absehbarer Zeit aussterben wird oder ob ein Aussterben wegen der Existenz stabiler Teilbestände unwahrscheinlich ist.

Gefährdungskategorien
Zauneidechse. Foto: Albert Heeb.

Die Zauneidechse (Lacerta agilis) steht auf der Vorwarnliste.

Foto: Albert Heeb

Aus den vier eingeschätzten Kriterienklassen wird anhand eines Einstufungsschemas die Gefährdungskategorie ermittelt.

Rote Listen begnügen sich nicht mit der Bekanntgabe der Kategorie, sie dokumentieren auch die einzelnen Kriterienschätzungen. Dadurch wird der Einstufungsweg besser nachvollziehbar.

Zur Prioritätensetzung im Artenschutz wird auch die Verantwortlichkeit Deutschlands für die weltweite Erhaltung der Arten eingeschätzt. Artspezifische Zusatzangaben erhöhen wesentlich den Informationsgehalt der Roten Listen.

 

Verantwortlichkeit Deutschlands für die Weltweite Erhaltung von Arten

Für die Prioritätensetzung im Artenschutz besonders wichtig ist die Information, ob Deutschland für die Erhaltung von Arten in besonderem Maß verantwortlich ist. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn eine Art – weltweit betrachtet – ihren Verbreitungsschwerpunkt in Deutschland hat oder gar ausschließlich hier vorkommt.

Für die Analyse der Verantwortlichkeit werden wie bisher drei „Leitparameter“ aufgestellt:

  1. Anteil der im Bezugsraum heimischen Populationen an der Weltpopulation (meist geschätzt über den Anteil am Weltareal)
  2. Bedeutung der Populationen im Bezugsraum für den Genfluss innerhalb der Gesamtpopulation (meist geschätzt über die Position des Bezugsraumes im Areal)
  3. Weltweite Gefährdung der Art/des Taxons

Die Kombination der Leitparameter führt zu Kriterien, die die Kategorien der Verantwortlichkeit definieren:

  • In besonders hohem Maße verantwortlich
  • In hohem Maße verantwortlich
  • In besonderem Maße für hochgradig isolierte Vorposten verantwortlich
  • Allgemeine Verantwortlichkeit
  • Daten ungenügend, eventuell erhöhte Verantwortlichkeit zu vermuten
  • Nicht bewertet

Zusatzangaben

Der Informationsgehalt Roter Listen ist deutlich höher, wenn neben der reinen Gefährdungseinschätzung artspezifische Zusatzinformationen mitgeteilt werden. Das können beispielsweise Hinweise auf die Abgrenzung einer Art gegenüber nah verwandten Arten, Nachweisprobleme oder eine mögliche Verwechslungsgefahr sein. Weiterhin sind spezifische Gefährdungsursachen oder die Abhängigkeit von bestimmten Umweltfaktoren mitteilenswert. Schließlich sollen Hinweise auf Verbreitungsgrenzen in Deutschland, Vorkommensschwerpunkte sowie auffällige Arealveränderungen erwähnt werden. Auch ein Vergleich mit der früheren Gefährdungseinstufung ist oft aufschlussreich.