Mit Daten aus Hessen wächst das Flechtenportal auf 116.000 Beobachtungen

Unser Datenportal „Flechten Deutschlands“ ist innerhalb von zwei Jahren von 900 auf 116.000 Beobachtungen gewachsen. Es enthält inzwischen Nachweisdaten und Verbreitungskarten zu 1.280 Arten. In Vorbereitung der nächsten Roten Liste werden kontinuierlich weitere Daten eingepflegt.

Daten hochladen, Kartierlisten anlegen, Verbreitungskarten anschauen

Aus Deutschland sind derzeit 2.187 Flechtenarten, 562 flechtenbewohnende Pilze und weitere 55 flechtenähnliche Pilze bekannt. Diese Zahl erhöht sich laufend, sowohl durch eine bessere Erforschung von Flechtenhabitaten, als auch durch taxonomische Untersuchungen. Das Datenportal „Flechten Deutschlands“ erleichtert es, Beobachtungsdaten zu erfassen und für den Naturschutz und die Roten Listen zu verwenden. 

Einen großen Beitrag dazu leistete jetzt das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG), indem es ein großes Datenpaket mit allen hessischen Flechtendaten aus der hessischen Biodiversitätsdatenbank (HEBID) zu Verfügung stellte. Mehr als 100.000 dieser Datensätze wurden bereits in das Flechtenportal integriert, weitere sollen folgen.

Die Rotfrüchtige Säulenflechte (Cladonia macilenta subsp. floerkeana) gilt in Deutschland als gefährdet. Foto: Dr. Ulrich Kirschbaum

Die Rotfrüchtige Säulenflechte (Cladonia macilenta subsp. floerkeana) gilt in Deutschland als gefährdet.

Foto: Dr. Ulrich Kirschbaum

Flechtenkundige willkommen!

Flechten Deutschlands ist mit seinen Verbreitungskarten ein Portal für all diejenigen, die Nachweisdaten zu Flechten, flechtenbewohnenden und flechtenähnlichen Pilze online eingeben und sich dazu mit weiteren Fachleuten austauschen wollen. Ziel des Portals ist das Zusammenführen von verstreuten Beobachtungs- und Sammlungsdaten aus Deutschland. Geprüfte Daten werden für Zwecke des Naturschutzes, für wissenschaftliche Auswertungen und für die Erstellung der Roten Listen Deutschlands verwendet. Der Besuch des Webportals steht grundsätzlich allen Privatpersonen oder Institutionen offen, für die Nutzung wird keine Gebühr erhoben.

Alle Flechtenkundigen sind herzlich eingeladen, an der Vervollständigung und Aktualisierung des Datenbestandes sowie an der Qualitätssicherung der Daten mitzuarbeiten. Sie können Einzelbeobachtungen punktgenau erfassen oder auch Kartier-/Artenlisten anlegen, die eine schnelle Dateneingabe zu mehreren Arten an einem Ort ermöglichen. Darüber hinaus bietet das Datenportal die Möglichkeit, sich die eigenen sowie die aggregierten Verbreitungsdaten anderer Beobachterinnen und Beobachter kartographisch darstellen zu lassen. Das Datenportal besteht aus einer Datenbank und einem Webportal für die Online-Erfassung, Sichtung und Bereitstellung der zusammengeführten Beobachtungs- und Sammlungsdaten.

Das Portal wird vom Rote-Liste-Zentrum aufgebaut, Betreiber ist die BLAM (Bryologisch-Lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa e. V.). Die BLAM prüft die Beobachtungsdaten, bevor sie veröffentlicht werden. Für BLAM und RLZ ist dies bereits die zweite Zusammenarbeit: Sie haben 2022 gemeinsam das Datenportal „Moose Deutschlands“ geschaffen.

Flechten bestehen aus mehreren Lebewesen

Ramalina fraxinea – eine Strauchflechte, die die Rinde von Bäumen bewohnt – ist in Deutschland stark gefährdet. Foto: Dr. Steffen Caspari

Ramalina fraxinea – eine Strauchflechte, die die Rinde von Bäumen bewohnt – ist in Deutschland stark gefährdet.

Foto: Dr. Steffen Caspari

Sie nehmen unter den Lebewesen eine Sonderstellung ein: Hinter den äußerlich wie ein Organismus aussehenden Flechten verbergen sich in der Regel zwei oder mehr Arten – ein Pilz und eine Alge und/oder Blaualge. Sie sind in einer Symbiose buchstäblich miteinander verflochten. Hinzu kommen eine große Zahl Bakterien und Mikropilze, deren Rolle in der Symbiose noch nicht genau verstanden ist. Flechten sind zudem auch Wirte flechtenbewohnender Pilze.

Flechten wachsen auf praktisch allen Substraten und in allen Biotopen von der Gezeitenzone der Nord- und Ostsee bis in die höchsten Regionen der Alpen. Sie wachsen auf nacktem Fels, Rinde von Bäumen oder Sträuchern, Holz, Moosen, Erde und Rohhumus, gelegentlich sogar auf Glas, Kunststoff oder Metall. Orte, an denen die meisten Pflanzen und Pilze allein wegen fehlender Nährstoffe oder häufiger Austrocknung nicht existieren könnten, bieten noch Lebensräume für Flechten.

Wie geht es den Flechten?

Viele Flechtenarten reagieren empfindlich auf Veränderungen der Luftqualität. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts waren Ballungsgebiete in Deutschland durch Luftverschmutzung (insbesondere Schwefeldioxid) fast frei von Flechten. Seit den 1990er Jahren findet man auch in den Innenstädten wieder mehr und mehr Arten. Einige Arten haben sich von den Bestandseinbußen jedoch noch nicht erholt. Aktuell setzen besonders die hohen Stickstoffeinträge aus Industrie und Landwirtschaft den Flechten zu.

Für die Rote Liste der Flechten Deutschlands aus dem Jahr 2011 wurden 1.946 etablierte Flechtenarten, -unterarten und -varietäten bewertet. Rund 37 % der Flechten-Taxa wurden als bestandsgefährdet eingestuft, weitere 152 sind bereits ausgestorben oder gelten als verschollen. Wie bedenklich die Situation der Flechten insgesamt ist, wird anhand des Anteils ungefährdeter Taxa deutlich: Für nur etwa ein Viertel der in Deutschland vorkommenden Taxa wird eine Gefährdung sicher ausgeschlossen.

Eine Aktualisierung der Roten Liste ist derzeit in Arbeit, eine überarbeitete Referenzliste („Checkliste“) mit mehr als 2.000 Taxa wurde bereits erstellt und in der Fachzeitschrift Herzogia veröffentlicht.

Über die Roten Listen und das Rote-Liste-Zentrum

Rote Listen sind wissenschaftliche Fachgutachten und dienen insbesondere der Information der Öffentlichkeit über die Gefährdungssituation der Arten. Sie sind u.a. Datenquelle für gesetzgeberische Maßnahmen, Grundlage und Argumentationshilfe für raum- und umweltrelevante Planungen und zeigen Handlungsbedarf für die Erhaltung von Tier-, Pflanzen- und Pilzarten auf. Die bundesweiten Roten Listen werden von rund 650 Fachleuten erarbeitet. Weitere rund 20.000 Personen haben in den letzten Jahren Beobachtungsdaten dafür bereitgestellt. Diese Arbeiten werden hauptsächlich ehrenamtlich erbracht. Die Roten Listen der Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands werden vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) herausgegeben.
Das Rote-Liste-Zentrum koordiniert im Auftrag des BfN seit Dezember 2018 die Erstellung der bundesweiten Roten Listen der Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Es begleitet und unterstützt die jeweiligen Expertinnen und Experten fachlich, organisatorisch und finanziell. 

(Artikel veröffentlicht am 9.7.2025)

Weitere Informationen

  • Datenportal Flechten Deutschlands
  • Bryologisch-Lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa e. V (BLAM)
  • Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG), Biodiversitätsdatenbank

Rote Liste der Flechten und flechtenbewohnenden Pilze Deutschlands

Wirth, V.; Hauck, M.; Brackel, W. von; Cezanne, R.; Bruyn, U. de; Dürhammer, O.; Eichler, M.; Gnüchtel, A.; John, V.; Litterski, B.; Otte, V.; Schiefelbein, U.; Scholz, P.; Schultz, M.; Stordeur, R.; Feuerer, T. & Heinrich, D. (2011): Rote Liste und Artenverzeichnis der Flechten und flechtenbewohnenden Pilze Deutschlands. – In: Ludwig, G. & Matzke-Hajek, G. (Red.): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 6: Pilze (Teil 2) – Flechten und Myxomyzeten. – Münster (Landwirtschaftsverlag). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (6): 7–122.

Die Rote-Liste-Daten sind auch als Download verfügbar.

Überarbeitete Checkliste der Flechten, flechtenbewohnenden und flechtenähnlichen Pilze Deutschlands

Printzen, C.; Brackel, W. von; Bültmann, H.; Cezanne, R.; Dolnik, C.; Dornes, P.; Eckstein, J.; Eichler, M.; John, V.; Killmann, D.; Nimis, P.L.; Otte, V.; Schiefelbein, U.; Schultz, M.; Stordeur, R.; Teuber, D. & Thüs, H. (2022): Die Flechten, flechtenbewohnenden und flechtenähnlichen Pilze Deutschlands – eine überarbeitete Checkliste. – Herzogia 35 (1, Teil 2): 193–393.

Die Checkliste wurde in der Fachzeitschrift Herzogia veröffentlicht und ist auf der Website der BLAM als Download verfügbar.


 

Caloplaca flavorubescens gehört zu den Krustenflechten und steht in der Roten Liste der Flechten Deutschlands als „extrem selten“ und „Vom Aussterben bedroht“. Foto: Dr. Ulrich Kirschbaum

 Caloplaca flavorubescens gehört zu den Krustenflechten, die Rote Liste der Flechten Deutschlands verzeichnet sie als „extrem selten“ und „Vom Aussterben bedroht“.

Foto: Dr. Ulrich Kirschbaum