Ein verborgener Holzbewohner unserer Wälder

Mit einer Körperlänge von nur 13 bis 28 Millimetern gehört der Gemeine Gepunktete Schnurfüßer nicht gerade zu den auffälligen Bewohnern des Waldes. Schlank, zylindrisch und mit einem seidenmatten Glanz, bewegt sich dieser Doppelfüßer eher gemächlich durch ein verborgenes Reich. Wer ihn entdecken will, muss nicht auf Wiesen oder unter Laub suchen, sondern im morschen Holz. Unter der lockeren Rinde alter Stubben oder im feuchten Mulm abgestorbener Äste und Baumstämme ist er besonders gut zu finden. Die Art zeigt damit eine für Doppelfüßer ungewöhnlich starke Bindung an verrottendes Holzmaterial – sie ist unsere Art des Monats März.
 

Leben im Inneren abgestorbener Bäume

Der Gemeine Gepunktete Schnurfüßer (Cylindroiulus punctatus) ist eine ausgesprochene Waldart mit deutlicher Vorliebe für Totholz, sie kommt aber auch in Hecken, Parks und Gärten vor. Während viele Tausendfüßer-Arten regelmäßig zwischen Boden und Streu wandern, bleibt diese Art dem Substrat Totholz erstaunlich treu. Selbst im Winter zieht sie sich nicht in tiefere Bodenschichten zurück, sondern überwintert unter Rinde oder direkt im morschen Holz. Untersuchungen konnten zeigen, dass die Art sogar bis in eine Höhe von 4,5 Metern in abgestorbenen Bäumen vorkommt.

Mit seiner, schlanken, zylindrischen Gestalt und dem charakteristischen seidenmatten Glanz ist der Gemeine Gepunktete Schnurfüßer ein auffälliger Bewohner in einem verborgenen Lebensraum. Foto: Axel Steiner.

Mit seiner, schlanken, zylindrischen Gestalt und dem charakteristischen seidenmatten Glanz ist der Gemeine Gepunktete Schnurfüßer ein auffälliger Bewohner in einem verborgenen Lebensraum. 

Foto: Axel Steiner.

Diese verborgene Lebensweise macht sie für herkömmliche Erfassungsmethoden von Doppelfüßern, wie Bodenfallen, oft nicht nachweisbar, da sie das Holz nur selten verlässt. C. punctatus frisst – wie die meisten anderen Doppelfüßer – auch Laub und kann daher gelegentlich in der Laubstreu vorkommen. So bewegt er sich problemlos von Ort zu Ort.

Auch morphologisch besitzt die Art ein markantes Merkmal: Als einzige in Deutschland vorkommende Schnurfüßer-Art trägt sie einen keulenförmig verdickten sogenannten Telsonfortsatz am Körperende. Für Fachleute ist dies ein eindeutiges Bestimmungsmerkmal, im Gelände fällt aber vor allem der seidig schimmernde Körper auf.


Schlüsselrolle im Stoffkreislauf und positive Bestandsentwicklung

Ökologisch ist der Gemeine Gepunktete Schnurfüßer ein wichtiger Akteur der Dekomposition, d.h. für den Abbau organischer Stoffe. Indem er hartes, schwer zersetzbares Holz mechanisch zerkleinert und verdaut, schafft er die Grundlage für Mikroorganismen, die das Material weiter abbauen. So werden Nährstoffe wieder freigesetzt und stehen den Pflanzen durch die Humusbildung erneut zur Verfügung. Ohne solche Detritusfresser würden abgestorbene Äste und Stämme deutlich langsamer in den Nährstoffkreislauf zurückgeführt werden.

Die aktuelle Bestandssituation des Gemeinen Gepunkteten Schnurfüßers in Deutschland ist erfreulich: Die Art gilt als „Ungefährdet“, da sie häufig ist und lang- wie kurzfristig zunehmende Bestände zeigt. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der veränderten Forstpraxis. In bewirtschafteten Wäldern wird heute deutlich mehr Totholz belassen als früher – genau das Habitat, auf das diese Art angewiesen ist. Hinzu kommt, dass sich C. punctatus aktuell in Teilen Ostdeutschlands ausbreitet. Durch unbeabsichtigte Verschleppung, etwa über Pflanzmaterial oder Kompost, konnte er erfolgreich neue Regionen besiedeln. Die Art profitiert somit sowohl von bewussten Naturschutzmaßnahmen als auch von menschlicher Bewegung im Landschaftsraum.

Seinen Namen verdankt der Gemeine Gepunktete Schnurfüßer den auffälligen seitlichen Reihen von dunklen rundlichen Wehrdrüsen, die bei Gefahr ein stark riechendes und reizendes Sekret abgeben können. Foto: Axel Steiner.

Seinen Namen verdankt der Gemeine Gepunktete Schnurfüßer den auffälligen seitlichen Reihen von dunklen rundlichen Wehrdrüsen, die bei Gefahr ein stark riechendes und reizendes Sekret abgeben können. 

Foto: Axel Steiner.

Trotz dieser positiven Entwicklung bleibt sie an feuchte, strukturreiche Wälder gebunden und gilt als wenig trockenresistent. Längere Trockenperioden oder eine erneute Reduktion von Totholz könnten ihre Lebensgrundlage einschränken.

Der Gemeine Gepunktete Schnurfüßer zeigt eindrucksvoll, dass scheinbar „totes“ Holz im Wald in Wahrheit voller Leben steckt. Als stiller Zersetzer im Inneren abgestorbener Stämme trägt er mit vielen anderen Tieren und Pilzen dazu bei, dass aus scheinbar Totem Neues entsteht – langsam, verborgen und doch unverzichtbar für das Funktionieren unserer Wälder.


Ein Beitrag von Peter Decker
Im Rahmen seiner ehrenamtlichen und beruflichen Tätigkeit hat sich Peter Decker insbesondere auf die Taxonomie, Verbreitung und Ökologie der Artengruppen der Hundertfüßer (Chilopoda) und Doppelfüßer (Diplopoda) spezialisiert. Derzeit koordiniert er die in Kürze erscheinende aktualisierte Rote Liste und Gesamtartenliste der Hundertfüßer und Doppelfüßer Deutschlands. Weiterhin engagiert er sich im praktischen sowie im theoretischen Naturschutz, insbesondere im Erhalt von Streuobstwiesen. Weitere Infos unter: www.myriapoden-info.de

Rote Liste Doppelfüßer 


(Stand Juli 2014)


Reip, H.S.; Spelda, J.; Voigtländer, K.; Decker, P. & Lindner, E.N. (2016): Rote Liste und Gesamtartenliste der Doppelfüßer (Myriapoda: Diplopoda) Deutschlands. – In: Gruttke, H.; Balzer, S.; Binot-Hafke, M.; Haupt, H.; Hofbauer, N.; Ludwig, G.; Matzke-Hajek, G. & Ries, M. (Red.): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 4: Wirbellose Tiere (Teil 2). – Münster (Landwirtschaftsverlag). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (4): 301–324.

Gemeiner Gepunkteter Schnurfüßer

(Cylindroiulus punctatus)


Rote-Liste-Kategorie: Ungefährdet


(Artikel veröffentlicht am 5.3.2026)