Ein seltenes Juwel im Weinberg

Bei einem Spaziergang in rheinland-pfälzischen Flusstälern oder am Kaiserstuhl kann man mit etwas Glück der Westlichen Smaragdeidechse begegnen. Auch wenn sie zu den seltensten Reptilien Deutschlands zählt, ist sie wegen ihrer Größe und Färbung gut kenntlich. Die Westliche Smaragdeidechse ist unsere Art des Monats September.

Die farbenprächtigste Eidechse Deutschlands ist stark gefährdet

Mit einer Gesamtlänge von bis zu 40 cm ist die Westliche Smaragdeidechse (Lacerta bilineata) neben ihrer östlichen Schwesterart Lacerta viridis die größte Eidechsenart Deutschlands. Ihre Größe in Kombination mit einem leuchtend smaragd- bis dunkelgrünen Rücken und blauer Kehle während der Paarungszeit machen sie besonders auffällig. Die Art gehört bundesweit zu den seltensten Reptilien und ist stark gefährdet.

Junges Männchen der Westlichen Smaragdeidechse. Foto: Dr. Ulrich Schulte

Junges Männchen der Westlichen Smaragdeidechse.

Foto: Dr. Ulrich Schulte

Westliche und Östliche Smaragdeidechse kommen in Deutschland in weit voneinander getrennten Gebieten vor. Wegen ihrer Ähnlichkeit wurden sie früher nicht unterschieden und erst im Jahre 2001 auf Basis genetischer Daten als Schwesterarten differenziert. Zeitweise kann man sie jedoch gut an der Kehlfärbung unterscheiden: Während die Jungtiere der östlichen Art am ganzen Körper hell beige-braun gefärbt sind, zeigen die Jungtiere der Westlichen Smaragdeidechse eine hellgrüne Kehle.

Schlüpfling der westlichen Art, mit hellgrüner Kehle. Foto: Dr. Ulrich Schulte

Schlüpfling der westlichen Art, mit hellgrüner Kehle.

Foto. Dr. Ulrich Schulte

Eine Leitart der Weinberge…

Wie viele Reptilien bevorzugt auch die Westliche Smaragdeidechse abwechslungsreiche Lebensräume mit Böschungen, Felsen und Trockenmauern. Großflächig „aufgeräumte“ Gebiete meidet sie. Die wärmeliebende Art hat einen mediterranen Verbreitungsschwerpunkt, hierzulande kommt sie nur in den klimatisch besonders begünstigten Bereichen von Südwestdeutschland vor. Die Art ist untrennbar mit den strukturreichen, sonnenverwöhnten Hängen und Böschungen der Rebgebiete des Mosel-, Mittelrhein- und Nahetals sowie des Kaiserstuhls und Tunibergs verbunden. Dabei bilden die rheinland-pfälzischen und badischen Bestände weit nach Norden vorgeschobene isolierte Vorposten, für die Deutschland in besonderem Maße verantwortlich ist.

Die Westliche Smaragdeidechse ist vor allem durch Eingriffe und Veränderungen in ihrem Lebensraum gefährdet (siehe dazu auch die aktuelle Rote Liste der Reptilien Deutschlands sowie den Art-Steckbrief mit komprimierten Rote-Liste-Informationen):

In ihrem Lebensraum, wie hier an der Untermosel, sind die Eidechsen vielfältigen Gefahren ausgesetzt. Foto: Dr. Ulrich Schulte

In ihrem Lebensraum, wie hier an der Untermosel, sind die Eidechsen vielfältigen Gefahren ausgesetzt.

Foto: Dr. Ulrich Schulte

  • Flurbereinigungen und Hangsicherungen in Weinberglagen verbunden mit dem Verlust von Trockenmauern, Felsbereichen, Böschungen, Gebüschinseln und Säumen;
  • Beschattung durch Sukzession der Brachen infolge der Aufgabe des Weinbaus bzw. der Folgenutzung;
  • Baumaßnahmen (z. B. Instandhaltungsmaßnahmen und Errichtung von Lärmschutzwänden) entlang von Bahnstrecken, die in Tälern oftmals die einzigen Vernetzungslinien darstellen;
  • zunehmende Hang- und Höhenbebauung sowie touristische Erschließung der Hangbereiche.

…und Flaggschiff des Artenschutzes

Nicht nur optisch, sondern auch naturschutzfachlich ist die Westliche Smaragdeidechse eines der Juwele der deutschen Fauna. Mit ihrem großem Raumbedarf und den hohen Ansprüchen an ihren Lebensraum ist sie eine Flaggschiffart des Artenschutzes. Wo es ihr gut geht, bestehen auch günstige Bedingungen für viele andere gefährdete Tiere und Pflanzen. Die Sicherung der Bestände ist aber in hohem Maße von einer aufwändigen und teilweise kostspieligen Bewirtschaftung und Pflege der Lebensräume abhängig.

Ein Beitrag von Dr. Ulrich Schulte.
Der Zoologe ist Spezialist für Amphibien und Reptilien und hat die Erstellung der nationalen Roten Listen beider Artengruppen koordiniert. Siehe dazu auch das Interview "Warum Amphibien und Reptilien oft in einem Atemzug genannt werden und was das mit den Roten Listen zu tun hat".
Website von Dr. Ulrich Schulte und Kontakt:
www.schulte-gutachten.net.

Die rheinland-pfälzischen und badischen Bestände am Kaiserstuhl bilden weit nach Norden vorgeschobene isolierte Vorposten, für die Deutschland in besonderem Maße verantwortlich ist. Foto: Dr. Ulrich Schulte

Die rheinland-pfälzischen und badischen Bestände am Kaiserstuhl bilden weit nach Norden vorgeschobene isolierte Vorposten, für die Deutschland in besonderem Maße verantwortlich ist.

Foto: Dr. Ulrich Schulte

Rote-Liste-Bewertung

In den Roten Listen von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg wird Lacerta bilineata als „vom Aussterben bedroht“ bezeichnet. Bundesweit wird jedoch davon ausgegangen, dass es im Bereich des Kaiserstuhls noch ausreichend stabile Teilpopulationen gibt, die ein Aussterben der Art in Deutschland innerhalb der nächsten 10 Jahre sehr unwahrscheinlich machen. Aus diesem Grund wurde die in Deutschland sehr seltene Art national in die Gefährdungskategorie „Stark gefährdet“ eingestuft.

Die bundesweiten Roten Listen dokumentieren auf wissenschaftlicher Grundlage und in verdichteter Form die Gefährdung der heimischen Arten. Damit sind sie ein stets verfügbares Fachgutachten, ein Frühwarnsystem für die Entwicklung der biologischen Vielfalt und eine Argumentationshilfe für umweltrelevante Planungen. Rote Listen zeigen den vordringlichen Handlungsbedarf im Artenschutz auf.

Quellen/Rote Liste zum Artikel

Publikationen

Böhme, W. (1978): Das Kühnelt‘sche Prinzip der regionalen Stenözie und seine Bedeutung für das Subspezies-Problem: ein theoretischer Ansatz. – Zeitschrift für Zoologische Systematik und Evolutionsforschung 16: 256-266.

Böker, T. (1990): Zur Ökologie der Smaragdeidechse Lacerta viridis (Laurenti, 1768) am Mittelrhein. II. Populationsstruktur, Phänologie. – Salamandra 26(2/3): 97-115.

Joger, U., Amann, T. & Veith, M. (2001): Phylogeographie und genetische Differenzierung im Lacerta viridis/bilineata Komplex. In: Elbing, K. & Nettmann, H.-K. (Hrsg.): Beiträge zur Naturgeschichte und zum Schutz der Smaragdeidechsen (Lacerta s. str.) – Mertensiella 13: 60-68.

Rykena, S. (1991): Kreuzungsexperimente zur Prüfung der Artgrenzen im Genus Lacerta sensu stricto. – Mitteilungen aus dem Zoologischen Museum Berlin 67: 55-68.

Schulte, U., Alfermann, D., Böhme, W., Joger, U., Veith, M., Wagner, N. & A. Heym (2016): Vernetzung und Autochthonie nördlicher Arealrandpopulationen der Westlichen Smaragdeidechse (Lacerta bilineata). – Natur und Landschaft 91(2): 66-72.

Rote Liste der Reptilien Deutschlands

Rote-Liste-Gremium Amphibien und Reptilien (2020): Rote Liste und Gesamtartenliste der Reptilien (Reptilia) Deutschlands. – Naturschutz und Biologische Vielfalt 170 (3): 64 S.

Westliche Smaragdeidechse

(Lacerta bilineata)

Rote-Liste-Kategorie: Stark gefährdet