Dramatischer Rückgang und wundersame Erholung – menschengemacht

Den Flechtenkundler beschrieb Gustav Wilhelm Körber im Jahr 1855 als einen, der „unbeklatscht unter seinen Pflanzen sitzt und mit eiserner Geduld im Schneckengange ... den Lebensgesetzen so überaus polymorpher und dabei doch gleichsam scheintodter Gewächse nachgrübelt“. Dass eine von Körber dokumentierte Flechte in Deutschland nicht mehr vom Aussterben bedroht ist, sondern „nur noch“ stark gefährdet, stellten seine modernen Kollegen fest – und auch woran dies liegt. Die Raue Braunschüsselflechte ist unsere Art des Monats Februar.

Die Mischung macht’s: Geländearbeit und Herbarstudien

Auf Pflanzen wachsende Flechten lassen sich besonders gut im Winter untersuchen, wenn sie nicht vom Laub der Gehölze verdeckt werden. So sieht man die Raue Braunschüsselflechte (Melanohalea exasperata) bevorzugt auf dünnen Zweigen, bisweilen auch an Baumstämmen. Die braun-olive Blattflechte ist leicht an ihrer warzigen Oberfläche mit zahlreichen schüsselförmigen Fruchtkörpern (Apothecien) zu erkennen. Wie die meisten Flechtenarten erhielt auch die Raue Braunschüsselflechte im Laufe der Geschichte eine größere Zahl von Namen.

Die Fruchtkörper von Melanohalea exasperata erscheinen wie kleine Schüsseln. Foto: Dr. Volker John

Die Fruchtkörper von Melanohalea exasperata erscheinen wie kleine Schüsseln.

Foto: Dr. Volker John  

Im Jahr 1853 hatte Abramo Bartolommeo Massalongo die Art als Parmelia aspera neu beschrieben. In einem seinerzeit noch sehr kleinen Kreis befreundeter Lichenologen (Flechten-Kundige) gelangte eine Vergleichsprobe zu Gustav Wilhelm Körber, der das Taxon im Jahr 1855 als Imbricaria aspera in sein Systema Lichenum Germaniae aufnahm. Da er die Art auch in Schlesien und anderen Gegenden Deutschlands gefunden hatte, fügte er hinzu: „in der Ebene und dem Vorgebirge häufig“. Nach Körbers System ordnete auch Georg Friedrich Koch ein Jahr später seine Liste der Flechten in der Pfalz. Er schreibt dazu: „Bei einer näheren Vergleichung dessen, was ich als Parmelia olivacea im Herbarium hatte, fand sich, dass fast alle Exemplare P. aspera waren. Ich durchsuchte meine jetzige Heimath nach allen Richtungen während des letzten Jahres und fand Imbricaria aspera an fast allen Bäumen in Menge ...“.

Die Raue Braunschüsselflechte hat sich etwas erholt

Im Catalogus Lichenum Germaniae von 1963 gibt Vitus Grumman die Raue Braunschüsselflechte noch für 23 von 25 Naturräumen in Deutschland an, wohl auf historische Angaben begründet. Als Folge der Luftverschmutzung gingen die Bestände von Melanohalea exasperata zwischenzeitlich jedoch so massiv zurück, dass sie in der Roten Liste der Flechten Deutschlands aus dem Jahr 1986 in die Gefährdungskategorie 1 (vom Aussterben bedroht) eingestuft werden musste. Einen Wendepunkt dokumentiert die Rote Liste 2011: Sie weist die Art „nur noch“ als stark gefährdet (Kategorie 2) aus. Wie kam es zu dieser unerwarteten Erholung?

Durch den Rückgang hauptsächlich der Schwefeldioxid-Belastung hat sich der alte Lebensraum der Flechte so entscheidend regeneriert, dass großflächig eine Rückkehr der Art zu verzeichnen ist. Noch stärker als die Verbesserung der Luftqualität scheint sich der Klimawandel auszuwirken: Im Saarland war Melanohalea exasperata vor dem Jahr 2000 noch unbekannt. Mittlerweile wurde die Flechte dort in mehr als der Hälfte aller Messtischblätter nachgewiesen, trotz einer geringen Kartierintensität. Dieser Trend wird sich voraussichtlich fortsetzen.

Das Beispiel der Rauen Braunschüsselflechte zeigt zum einen, wie wichtig die Sammlungen in Herbarien für eine Beurteilung der Bestandsentwicklung sind und weist zum anderen auf die Dringlichkeit von kontinuierlicher Geländearbeit hin. Mehr Flechtenforschung ist wünschenswert: Zusammenfassende Verbreitungskarten von Flechten für ganz Deutschland gibt es bis heute nicht.

Spezialisten unter extremen Lebensumständen

Flechten nehmen unter den Lebewesen und damit auch in der biologischen Systematik eine Sonderstellung ein, denn hinter den äußerlich wie ein Organismus aussehenden Flechten verbergen sich in der Regel zwei oder mehr Arten – ein Pilz und eine Alge und/oder Blaualge. Sie sind in einer Symbiose buchstäblich miteinander verflochten.

Viele Flechten sind an extreme Umweltbedingungen angepasst. Orte, an denen die meisten Pflanzen und Pilze allein wegen fehlender Nährstoffe oder wegen häufiger Austrocknung nicht existieren könnten, bieten noch Lebensräume für Flechten. Etliche Flechtenarten reagieren empfindlich auf Veränderungen der Luftqualität. Aktuell setzen besonders die hohen Stickstoffeinträge aus Industrie und Landwirtschaft den Flechten zu.

Ein Beitrag von Dr. Volker John
Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Tätigkeiten sind Bioindikation und Biologie der Flechten im Saarland, in Rheinland-Pfalz und in der Türkei. Dr. Volker John ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Wirkungsfeststellung an Niederen Pflanzen" in der Kommission Reinhaltung der Luft beim VDI und DIN und der OPTIMA Lichen-commission. Er arbeitet an der Checkliste der Flechten Deutschlands mit und ist im Auftrag des Rote-Liste-Zentrums in Arbeiten rund um die Erstellung der Roten Liste der Flechten eingebunden. Bis zu seiner Rente war er Leiter der Botanischen Abteilung im Pfalzmuseum für Naturkunde.

Auch wenn eine Bestandsverbesserung zu erkennen ist, gilt die Raue Braunschüsselflechte in Deutschland noch als „selten“ und „stark gefährdet“. Foto: Dr. Volker John

Auch wenn eine Bestandsverbesserung zu erkennen ist, gilt die Raue Braunschüsselflechte in Deutschland noch als „selten“ und „stark gefährdet“.

Foto: Dr. Volker John 

Rote-Liste-Bewertung

In Deutschland gibt es annähernd 2.000 Flechtenarten. Im Jahr 2011 wurden 713 Arten, also rund 37 % in der Roten Liste der Flechten und flechtenbewohnende Pilze Deutschlands als bestandsgefährdet eingestuft. Weitere 152 Arten sind bereits ausgestorben oder gelten als verschollen. Wie bedenklich die Situation der Flechten insgesamt ist, wird anhand des Anteils ungefährdeter Arten deutlich: Für nur etwa ein Viertel der in Deutschland vorkommenden Arten wird eine Gefährdung sicher ausgeschlossen.

Die bundesweiten Roten Listen dokumentieren auf wissenschaftlicher Grundlage und in verdichteter Form die Gefährdung der einheimischen Arten. Damit sind sie ein stets verfügbares Fachgutachten, ein Frühwarnsystem für die Entwicklung der biologischen Vielfalt. Die Roten Listen Deutschlands werden von Artexperten und Artexpertinnen weitestgehend ehrenamtlich erstellt. Das Rote-Liste-Zentrum ist vom Bundesamt für Naturschutz mit der Gesamtkoordination der Roten Listen und der fachlichen Begleitung betraut.

Raue Braunschüsselflechte (Melanohalea exasperata)

Rote-Liste-Kategorie: Stark gefährdet

Weitere Informationen und Rote-Liste-Angaben – inklusive Bestandssituation, kurz- und langfristiger Bestandstrend – enthält der Steckbrief aus der Rote-Liste-Artensuchmaschine