Ameisennester mit bulligen Türsteherinnen

Um den Monatswechsel März/April kommt bei den Völkern vieler einheimischer Ameisenarten wieder Leben in die Bude. Die Winterruhe geht zu Ende, es wird aufgeräumt, eine neue Generation Arbeiterinnen schlüpft und die Tiere gehen regelmäßig auf Nahrungssuche. Die Stöpselkopfameise bildet da keine Ausnahme. Da die Art bei uns selten ist, ihre Völker meist unter 500 Einzeltiere umfassen und diese außerhalb des Nestes fast immer allein unterwegs sind, lebt die Art vielerorts „unter dem Radar“. Die Stöpselkopfameise ist unsere Art des Monats April.

Einlass nur nach doppelter Ausweiskontrolle

Stöpselkopfameisen sind scheue Baumbewohner. Foto: Ádám Bakos

Stöpselkopfameisen sind scheue Baumbewohner.

Foto: Ádám Bakos

Dass viele Ameisenarten in ihren Staaten arbeitsteilig leben und die Vertreter unterschiedlicher „Kasten“ ein zu ihren Aufgaben passendes Äußeres haben können, ist lange bekannt. In den Völkern der Stöpselkopfameise (Colobopsis truncata) etwa gibt es stets einige wenige Arbeiterinnen mit einer auffälligen Kopfform. Schon der Erstbeschreiber der Art, Massimiliano Spinola, erklärte vor 220 Jahren: „Formica nigra, capite rubro antice abrupte truncato“ – übersetzt: Eine schwarze Ameise mit rotem, vorne abrupt gestutztem Kopf.

Um die Funktion des kolbenartigen Kopfes zu verstehen, hilft ein Blick auf die Nist- und Lebensweise: Stöpselkopfameisen sind unter 6 Millimeter lang und gelten als scheue Baumbewohner. Mit ihren kurzen, aber kräftigen Kiefern können sie Nest-Labyrinthe auch in hartes Holz nagen, meist in stärkere Äste von Obst- oder Walnussbäumen. Nach außen besitzen die Baue nur wenige, unauffällige Öffnungen. Diese sind mit knapp 3 Millimetern Durchmesser gerade so groß, dass die Tiere einzeln hindurchschlüpfen können. 

Du darfst rein, aber Du nicht!

In der Nahaufnahme ist der „Stöpselkopf“ der Türsteherinnen gut zu erkennen. Foto: Paco Alarcón

In der Nahaufnahme ist der „Stöpselkopf“ der Türsteherinnen gut zu erkennen.

Foto: Paco Alarcón

Der Kopf ist nur bei der Kaste der Türsteherinnen verdickt und abgeflacht. Er passt von innen in die runden Nestöffnungen wie ein Pfropf ins Spundloch eines Holzfasses. Kommen Arbeiterinnen von der Nahrungssuche zurück zum Nest, müssen sie sich bei der Türsteherin zunächst durch „Zwei-Faktor-Authentifizierung“ ausweisen. Erst wenn sie durch einen Fühlertriller und ihren Geruch als willkommen erkannt sind, gibt das Security-Personal den Eingang frei. Gleich darauf wird die Öffnung von innen wieder mit dem Kopf verschlossen. Mögliche Aggressoren – zum Beispiel artgleiche Tiere einer anderen Kolonie – werden nicht eingelassen. Da die Fühler weiter hinten auf dem Kopf sitzen und deshalb nicht aus dem Nesteingang ragen, wirkt die glatte Kopffront der Türsteherinnen wie eine Tür ohne Außenklinke. 


Forschungsbedarf: Wie entwickeln sich die Bestände?

In den Völkern der Stöpselkopfameise gibt es stets einige Arbeiterinnen mit der namensgebenden Kopfform.  Foto: Paco Alarcón

In den Völkern der Stöpselkopfameise gibt es stets einige Arbeiterinnen mit der namensgebenden Kopfform. 

Foto: Paco Alarcón

Über die die Nahrungssuche und die Lebensweise der Art ist relativ wenig bekannt. Es wird vermutet, dass von Blattläusen und anderen Pflanzensaugern abgegebener zuckerhaltiger Kot eine wichtige Energiequelle ist, aber die Arbeiterinnen tragen auch kleine erbeutete Insekten ein, die sie bei ihren Ausflügen in die Baumkronen finden.
Die Stöpselkopfameise ist im südlichen Europa weit verbreitet; in Deutschland hat sie nur die südlichen, wärmeren Tieflagen besiedelt und wurde vor allem in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen gefunden. Die nördliche Arealgrenze verläuft also mitten durch Deutschland. Die Rote Liste von 2011 schätzt sie hier als selten und mit negativem kurzfristigen Bestandstrend ein. Daher wurde sie in die Kategorie „Vorwarnliste“ eingestuft. Die wichtigste Schutzmaßnahme, die auch anderen holzbewohnenden Ameisen im Kulturland zugute kommt, ist die Erhaltung alter Obst- und Nussbäume mit signifikantem Totholzanteil.


Eine aktuelle Rote Liste und Gesamtartenliste der Ameisen Deutschlands wird derzeit vorbereitet.

(Artikel veröffentlicht am 26.3.2026)

Rote Liste und Steckbrief

Rote Liste Ameisen

Seifert, B. (2011): Rote Liste und Gesamtartenliste der Ameisen (Hymenoptera: Formicidae) Deutschlands. – In: Binot-Hafke, M.; Balzer, S.; Becker, N.; Gruttke, H.; Haupt, H.; Hofbauer, N.; Ludwig, G.; Matzke-Hajek, G. & Strauch, M. (Red.): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 3: Wirbellose Tiere (Teil 1). – Münster (Landwirtschaftsverlag). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3): 469–487.

Die aktuellen Rote-Liste-Daten sind auch als Download verfügbar

Steckbrief Stöpselkopfameise

Steckbrief Stöpselkopfameise (Colobopsis truncata, Syn. Camponotus truncatus) mit Rote-Liste-Daten
 

Der größte Teil der Arbeiterinnen der Stöpselkopfameisen hat einen unauffälligen Kopf. Foto: David Vontz

Bei den Stöpselkopfameisen hat der größte Teil der Arbeiterinnen einen unauffälligen Kopf.

Foto: David Vontz

Stöpselkopfameise

(Colobopsis truncata, Syn. Camponotus truncatus)

Rote-Liste-Kategorie: Vorwarnliste