Welche Schlauchalge ist das?

Sie sind klein – sehr klein. Das ist nur eine der Herausforderungen bei der Untersuchung von Schlauchalgen. Mit Hilfe eines neuen Bestimmungsschlüssels lässt sich jetzt leichter herausfinden, um welche Art es sich handelt. Er soll Naturinteressierte dabei unterstützen sich mit einer Artengruppe zu beschäftigen, für die es nur noch sehr wenige Experten oder Expertinnen gibt. Schlauchalgen sind selbst in evolutionären Dimensionen steinalt und gelten als „lebende Fossilien“.

Die Bestimmung von Schlauchalgen – eine Kunst für sich

Die Anzucht gelingt in der Petri-Schale.
© Foto: Sandra Ehrmann

Schlauchalgen sind kaum größer als ein Millimeter, oftmals kleiner, bilden aber zumeist rasenartige Kolonien aus. Berühmt sind solche, die aus einem einzigen Klon bestehen und sich flächig über mehrere Hektar im deutschen Wattenmeer ausbreiten können. Viele Arten sind nur anhand ihrer Fortpflanzungsorgane zu bestimmen. Falls diese bei den gesammelten Proben nicht vorhanden sind, müssen die Schlauchalgen in der Regel in Kultur genommen werden. Es kann also 2-3 Wochen dauern, bevor sich gesammelte Exemplare unter dem Mikroskop bestimmen lassen.

Ein neuer Bestimmungsschlüssel informiert nicht nur über Aussehen und Verbreitung sämtlicher deutscher Arten, sondern illustriert auch die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale durch Zeichnungen. Viele der Illustrationen stammen aus wissenschaftlichen Werken aus dem 20. Jahrhundert, die sich der Taxonomie der Schlauchalgen gewidmet haben. Der Bestimmungsschlüssel enthält zudem eine Kurzanleitung zum Anlegen einer Schlauchalgen-Kultur, Anmerkungen zu einigen kritischen Taxa sowie ein Literaturverzeichnis. Der Schlüssel richtet sich vor allem an Interessierte mit Vorwissen.

Extrem selten: Schlauchalgen-Experten und -Expertinnen

Der Bestimmungsschlüssel zeigt die charakteristischen Merkmale der Arten. Bild: H. Götz

Nicht zuletzt ihre schwierige Bestimmung führt dazu, dass es sehr wenige Menschen gibt, die sich intensiv mit dieser Organismengruppe beschäftigen. Der Autor des Bestimmungsschlüssels ist gegenwärtig der einzige Experte in Deutschland, der einen Überblick über die Taxonomie und Vorkommen aller Schlauchalgen-Arten im Bundesgebiet hat.

„Ich würde mich sehr freuen, wenn unsere Aktivitäten bei der Nachwuchsförderung und dieser Bestimmungsschlüssel dazu beitragen können, dass sich weitere, an Algen interessierte Menschen – Forschende ebenso wie andere Naturinteressierte – für die Schlauchalgen begeistern“, sagt Karl-Heinz Linne von Berg. Er hat den Bestimmungsschlüssel im Zuge eines durch das Rote-Liste-Zentrum finanzierten Nachwuchskurses entwickelt.

Schlauchalgen sind Überlebenskünstler

Die meisten Vaucheria-Arten pflanzen sich durch Oogoniogamie (B) fort. Bild: Karl-Heinz Linne von Berg.

Schlauchalgen gehören zu den „Gelbgrünen Algen“ (Xanthophyceae). Die meisten Arten leben im Süßwasser, aber manche sind auch salztolerant und haben Meeresrandbereiche und Salzstellen im Binnenland für sich als Lebensraum erschlossen. Es gibt auch ein paar, die an Land leben, meist an feuchten Stellen im Wald oder in „Störungshabitaten“ wie Fahrspuren, die von Traktoren auf Wegen hinterlassen werden.

In Deutschland kommen nur zwei Gattungen vor: Asterosiphon (mit einer Art) und Vaucheria (knapp 50 Arten). Vaucheria-Arten können sich, neben vegetativer Vermehrung, auch sexuell fortpflanzen. Dazu bilden sie weibliche (Oogonien) und männliche (Antheridien) Geschlechtsorgane aus. Diese sind artspezifisch und bieten die einzigen sicheren Merkmale, mit dem die Arten unterschieden werden können.


Schlauchalgen sind selbst in evolutionären Dimensionen steinalt und können als „lebende Fossilien“ bezeichnet werden. Versteinerungen einer eng mit Vaucheria verwandten Schlauchalgen-Gattung wurden in Russland und auf Spitzbergen in Schichten gefunden, die fast eine Milliarde Jahre alt sind. Damit stehen die Schlauchalgen zusammen mit primitiven Grünalgen ganz am Anfang der Entwicklungsgeschichte der Pflanzen. Sie sind widerstandsfähig und weisen eine beeindruckende evolutionäre Konstanz auf. Beigetragen dazu haben sicherlich ihre Einfachheit im Zellaufbau und ihre Anpassungsfähigkeit an verschiedene Lebensräume.

(Artikel veröffentlicht am 10.9.2026)

Schlauchalgen können morphologisch zumeist nur mit dem Mikroskop bestimmt werden, Schlauchalgen-Experten und -Expertinnen sind extrem selten. Das Rote-Liste-Zentrum förderte daher einen Bestimmungskurs, um dies zu ändern und die Artenkenntnis bei an Algen interessierten Menschen zu verbreitern. © Foto: Sandra Ehrmann
Weitere Informationen

Weitere Informationen

Rote Liste und Gesamtartenliste der Schlauchalgen Deutschlands

Linne von Berg, K.-H. (2018): Rote Liste und Gesamtartenliste der Schlauchalgen (Xanthophyceae: Vaucheriaceae) Deutschlands. – In: Metzing, D.; Hofbauer, N.; Ludwig, G. & Matzke-Hajek, G. (Red.): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 7: Pflanzen. – Münster (Landwirtschaftsverlag). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (7): 567–598.

Die aktuellen Rote-Liste-Daten sind auch als Download verfügbar.

Wie geht es den Schlauchalgen Deutschlands?

Datenportal „Algen Deutschlands“

Im Datenportal Algen Deutschlands stehen Beobachtungsdaten, Kartier-/Artenlisten und Verbreitungskarten von Schlauchalgen zur Verfügung.