Tierische Taucher und U-Boote: Suche nach seltenen Wasserkäfern

Als Vorbereitung der aktuellen Roten Liste der Wasserkäfer Deutschlands hat das Rote-Liste-Zentrum eine Reihe von gezielten Nachsuchen beauftragt. Mit Erfolg: Eine Art wurde zum ersten Mal in Deutschland nachgewiesen, weitere sehr seltene Arten wurden wiedergefunden.

Wasserkäfer: Tiere mit besonderer Biologie und Ökologie

Die Rote Liste der Wasserkäfer Deutschlands ist eine der wenigen, in denen nicht eine taxonomisch klar abgegrenzte Organismengruppe behandelt wird, sondern eine Käfergruppe mit Wasser als gemeinsamem Lebensraum. Manche Wasserkäfer-Arten sind sehr häufig und viele Menschen haben sie schon einmal in einem Tümpel gesehen, wie zum Beispiel den markanten, großen Gelbrandkäfer. Andere haben sehr spezifische ökologische Ansprüche und kommen beispielsweise nur in Gebirgsgewässern vor.

Agabus lapponicus wurde in Deutschland erstmals 2025 nachgewiesen, und zwar im Rahmen der gezielten Nacsuche. © Foto: Nikolai Wendlandt

Wie auch Meeressäugetiere haben Wasserkäfer ein Problem: Der im Wasser gelöste Sauerstoff reicht den meisten Arten nicht aus und sie müssen sich um eine alternative Luftversorgung kümmern. Dabei verfolgen sie unterschiedliche Strategien. Einige nehmen – ähnlich wie Menschen beim Tauchen – „Sauerstoffflaschen“ mit: Je nach Wasserkäferfamilie umschließen sie ein Luftpolster mit ihren Flügeldecken, haben eine Luftblase am Hinterleib oder speichern Luft zwischen Härchen an der Bauchseite. Andere Arten zapfen Wasserpflanzen an und beziehen ihren Sauerstoff durch Luftbläschen, die von Pflanzen abgegeben werden Fast so wie moderne U-Boote können einige Arten auch Sauerstoff aus dem Wasser gewinnen, wenn die Luftblase sauerstoffarm wird. Dann diffundiert Sauerstoff aus dem Wasser in die Blase und füllt diese wieder etwas auf. Um den Luftvorrat komplett aufzufrischen müssen die meisten Wasserkäfer dennoch regelmäßig auftauchen.

Adulte Wasserkäfer können mehrere Jahre alt werden und sogar den Winter in zugefrorenen Gewässern überdauern, indem sie in eine Kältestarre fallen und so den Energiebedarf stark reduzieren.

Erstnachweis für Deutschland: Agabus lapponicus

Alpines Kleingewässer in den Allgäuer Hochalpen, in dem Agabus lapponicus entdeckt wurde.
© Foto: Leopold Wendlandt

Der Wasserkäfer Agabus lapponicus hat ein sehr spezielles Habitat: hochgelegene, flache Kleingewässer. Die Art kommt in den nördlichen Regionen Skandinaviens und Russlands bis nach Sibirien vor, ebenso wie in den Hochlagen der Alpen, Pyrenäen und in den iberischen Zentralgebirgen. Obwohl er aus der Schweiz und Österreich bekannt ist, wurde Agabus lapponicus in Deutschland bisher noch nie gefunden. Das liegt zum einen daran, dass ein Nachweis des Käfers in den hochgelegenen Alpenregionen nur während der Sommermonate möglich ist. Zum anderen gibt es in Deutschland mit Agabus congener einen Doppelgänger: Nur die Männchen können nach Genitalpräparation eindeutig einer der beiden Arten zugeordnet werden.

Der Experte Leopold Wendlandt beprobte im August und September 2025 insgesamt 26 Kleingewässer in den Allgäuer Alpen (über 1.500 m ü. NHN). In einem davon konnte er A. lapponicus mit insgesamt 18 Exemplaren sicher nachweisen. Ob der Käfer auch in weiteren Kleingewässern Deutschlands vorkommt, ist bisher nicht bekannt – aber nicht unwahrscheinlich. Neben diesen Nachweisen fand der Experte 30 weitere Wasserkäferarten sowie drei wasserbewohnende Wanzenarten. Zu den spannendsten Funden zählen mehrere Exemplare des Wasserkäfers Boreonectes griseostriatus, der an zwei Orten gefunden wurde. Diese Art war seit mehr als 15 Jahren in Deutschland nicht mehr nachgewiesen worden. In der aktuellen Roten Liste der Wasserkäfer Deutschlands ist sie als „Stark gefährdet“ eingestuft, in der Roten Liste Bayerns als „Extrem Selten“. Nach einer vollständigen wissenschaftlichen Aufarbeitung der Funde wird Leopold Wendlandt die Ergebnisse in einer Fachpublikation veröffentlichen.

Nachsuche im Saarland und NRW: Kein Nachweis ist kein Fehlschlag

Das Rote-Liste-Zentrum hat im Jahr 2025 auch Nachsuchen im Saarland und in Nordrhein-Westfalen beauftragt: Der Wasserkäfer-Experte Jonas Köhler hat, teilweise in Begleitung eines Kollegen, gezielt nach vier Arten an bzw. in der Nähe von historisch bekannten Fundorten gesucht. Drei dieser Arten (Agabus brunneus, Limnius muelleri, Stictonectes lepidus) sind in der aktuellen Roten Liste der Wasserkäfer als „Ausgestorben oder Verschollen“ eingestuft, da sie schon lange nicht mehr nachgewiesen werden konnten. Die vierte Art, Potamophilus acuminatus, gilt als „Stark gefährdet“.

Der vom Aussterben bedrohte Hakenkäfer Esolus pygmaeus konnte 2025 an einem kleinen Fließgewässer im Saarland nachgewiesen werden. © Foto: Frank Köhler

Leider konnte keine der vier Zielarten gefunden werden. Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie in Deutschland noch vorkommen, da ihre Populationsdichten auch historisch sehr gering waren und die Bestände fluktuieren. Am wahrscheinlichsten erscheint ein Wiederfund von Agabus brunneus und Stictonectes lepidus. Die untersuchten Standorte im Saarland haben sich durch vermehrtes Algenwachstum in den letzten Hitzesommern teilweise verschlechtert, so dass Vorkommen von den nachgesuchten Limnius muelleri und Potamophilus acuminatus quasi ausgeschlossen werden können.

Obwohl die Zielarten nicht wiedergefunden wurden, brachte die Nachsuche neue Ergebnisse. Erstens ist auch ein „Nicht-Nachweis“ für die Überarbeitung einer Roten Liste eine wichtige Erkenntnis und zweitens gelang dem Experten auch bei dieser Nachsuche der Nachweis seltener Arten in Gestalt interessanter „Beifänge“. Unter den entdeckten Wasserkäfern befanden sich 10 Art-Neunachweise für das Saarland. Besonders bemerkenswert sind die Funde von Hydraena excisa, der zu den seltensten Langtaster-Wasserkäfern Deutschlands gehört, und von Esolus pygmaeus, der auf der aktuellen Roten Liste der Wasserkäfer Deutschlands als „Vom Aussterben bedroht“ eingestuft wird. Diese Art ist aktuell nur von jeweils einem Fundort im Saarland und Rheinland-Pfalz bekannt sowie wenigen weiteren in Bayern. Eine Veröffentlichung der Nachsuche-Ergebnisse aus dem Saarland ist in Arbeit.

Über die Roten Listen und das Rote-Liste-Zentrum

Die Rote Liste der Wasserkäfer Deutschlands wird derzeit aktualisiert. Neben den hier vorgestellten, beauftragten Projekten haben Wasserkäfer-Experten weitere Nachsuchen nach seltenen Arten durchgeführt.

Die in diesem Bach gefundenen Exemplare der sehr seltenen Langtaster-Wasserkäferart Hydraena excisa sowie des gefährdeten Hakenkäfers Limnius opacus sind Erstnachweise im Saarland. © Foto: Jonas Köhler

Solche zielgerichteten Kartierungen sind immer dann sinnvoll, wenn es zu ausgewählten Arten seit Jahrzehnten keinerlei aktuelle Daten gibt, denn damit ist unklar, ob diese Arten ausgestorben, vom Aussterben bedroht, extrem selten oder stark gefährdet sind. Für eine Klärung untersuchen Experten und Expertinnen an früheren Fundorten oder in potentiell geeigneten Lebensräumen, ob die Zielart dort noch vorkommt oder nicht. Dieses Vorgehen hat sich als sehr effektiv erwiesen und führt zu einer deutlich verbesserten Datenlage. Die Aussagekraft der Roten Listen lässt sich so deutlich steigern.

Rote Listen sind wissenschaftliche Fachgutachten und dienen insbesondere der Information der Öffentlichkeit über die Gefährdungssituation der Arten. Sie sind u.a. Datenquelle für gesetzgeberische Maßnahmen, Grundlage und Argumentationshilfe für raum- und umweltrelevante Planungen und zeigen Handlungsbedarf für die Erhaltung von Tier-, Pflanzen- und Pilzarten auf. Die Roten Listen der Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands werden vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) herausgegeben. Das Rote-Liste-Zentrum koordiniert im Auftrag des BfN seit 2019 die Erstellung der bundesweiten Roten Listen. Es begleitet und unterstützt die jeweiligen Expertinnen und Experten fachlich, organisatorisch und finanziell


(Artikel veröffentlicht am 20.7.2026)