Untersuchungen fließen in die nächsten Roten Listen ein
Mit Hilfe einer vom Rote-Liste-Zentrum finanzierten Sammelexkursion gelang es im Jahr 2020, das Wissen über die Vorkommen von Doppel- und Hundertfüßern (Diplopoda, Chilopoda) in Brandenburg zu erweitern. Während der dreitägigen Exkursion in das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin erfassten Artexperten und -Expertinnen 1.062 Tiere. Sie stellten fest, dass im Gebiet 31 Doppelfüßerarten leben sowie 19 Hundertfüßerarten. Untersucht wurden Verbreitung, Habitatansprüche und Bestandssituation der Tiere.

Die Untersuchungsergebnisse werden in die Datenbank „Edaphobase“ eingepflegt und bei der Aktualisierung der Roten Listen der Doppel- und Hundertfüßer berücksichtigt. Die Ergebnisse wurden im Dezember 2020 in der „Schubartiana“, der Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachiger Myriapodologen, publiziert.
Im Biossphärenreservat wurden insgesamt 24 Standorte mit 9 Biotoptypen untersucht. Das gesammelte Material soll auch für genetische Untersuchungen im Rahmen verschiedener Forschungsprojekte verwendet werden.
Die Sache mit den tausend Füßen
Doppel- und Hundertfüßer (Chilopoda und Diplopoda) gehören neben den winzigen und daher kaum beachteten Wenig- und Zwergfüßern (Pauropoda und Symphyla) zur Gruppe der Vielfüßer (Myriapoda). Der umgangssprachliche häufig verwendete Begriff „Tausendfüßer“ bezieht sich einerseits auf die gesamte Gruppe der Vielfüßer (Myriapoda), anderseits aber auch nur auf die Gruppe der Doppelfüßer (Diplopoda), was zu Verwechslungen und Unklarheiten führen kann. Auch wenn es Arten gibt, die weit über hundert Beine haben, so gibt es keinen Vielfüßer, der tatsächlich tausend Beine hat.

Doppelfüßer, die sich durch zwei Beinpaare pro Körpersegment auszeichnen, sind Nützlinge und spielen eine wichtige Rolle im Naturhaushalt. Ähnlich wie Regenwürmer, Asseln oder Springschwänze „recyceln“ sie abgestorbene Pflanzenteile und verbessern so die Bodenfruchtbarkeit.
In der aktuellen Roten Liste der Hundertfüßer und Doppelfüßer Deutschlands (2026) wurden 83 Doppelfüßer-Arten (66,9 %) sowie 44 Hundertfüßer-Arten (75,9 %) als ungefährdet eingestuft. Als bestandsgefährdet gelten 15 Arten (12,1 %) der Doppelfüßer sowie 6 Arten (10,3 %) der Hundertfüßer.
Deutschland hat für die weltweite Erhaltung von 12 Doppelfüßerarten und -unterarten eine erhöhte Verantwortlichkeit. Diese kommen entweder nur oder fast nur hierzulande vor oder die hier lebenden Bestände sind hochgradig von anderen Populationen isoliert. Für den Schutz der Arten ist die Erhaltung ihrer Lebensräume von größter Bedeutung.

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Anders als die eher langsamen, sich vom Bestandsabfall ernährenden Doppelfüßer sind die Hundertfüßer (ein Beinpaar pro Segment) flinke Räuber. Sie verbringen den Tag meist in Deckung unter Rinde, Steinen oder Laub und jagen in der Nacht. Ihre Beute sind kleinere Tiere mit einer relativ weichen Haut, wie beispielsweise kleine Würmer, Spinnentiere, Springschwänze und Insekten sowie deren Larven. Als Hauptgefährdungsursache für Hundertfüßer spielt der Lebensraumverlust eine Rolle, auch wenn sich dies aktuell noch nicht deutlich in den Daten widerspiegelt. Wie auch bei zahlreichen anderen Arten steht der Biotopschutz an erster Stelle, um die Bestände und die Artenvielfalt langfristig zu sichern.
Wissenschaftlicher Nachwuchs bei der Feldarbeit
Die Exkursion wurde von der „Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachiger Myriapodologen“ ausgerichtet, in Verbindung mit einem Arbeitstreffen zur Vorbereitung der nächsten Roten Liste der Doppel- und Hundertfüßer. Die erfahrenden Expertinnen und Experten nutzen die Gelegenheit, um wissenschaftlichen Nachwuchs zu gewinnen und luden Studierende zur Exkursion ein: „Bei der Feldarbeit mit anschließenden Bestimmungsübungen können wir ganz praktisch zeigen, wie spannend und befriedigend es sein kann, Neues zu entdecken und Wissenslücken zu schließen“, so die Leiterin der Arbeitsgemeinschaft, Dr. Karin Voigtländer vom Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz. Mit Erfolg: „Die Neulinge wollen auch in Zukunft die Arbeiten des Rote-Liste-Myriapoden-Teams tatkräftig unterstützen“.

Während der Exkursion wurden der studentische Nachwuchs mit der ökofaunistischen Myriapodenforschung vertraut gemacht. Dazu gehörten eine Einführung in für Myriapoden geeignete Sammelmethoden, die Erfassung von Basisdaten sowie die Vorstellung von drei Mobil-Apps zur Ermittlung der Koordinaten im Gelände, Biotoptypen bzw. -listen, aber auch eine Einführung in die Schwerpunkte und Herausforderungen bei der Rote-Liste-Bearbeitung.
Seit Mai 2021 unterstützt die App „BODENTIER hoch 4“ die Erfassung von Myriapoden. Sie wurde vom Senckenberg Museum für Naturkunde entwickelt und beruht auf der gleichnamigen und bereits bestehenden Onlineplattform. Auch Myriapoden-Expertin Dr. Karin Voigtländer hat mit ihrem Fachwissen und Untersuchungsdaten dazu beigetragen.
Mit der neuen App werden auch interessierte Laien befähigt, die rund 260 heimischen Landassel-, Doppelfüßer- und Hundertfüßer-Arten zu bestimmen – mit der App auch offline von unterwegs. Webportal und App App bieten einen interaktiven Bestimmungsschlüssel und Informationen zu Verbreitung, Aussehen und Ökologie der verschiedenen Bodentierarten. So können Bürgerinnen und Bürger Funde an eine etablierte Forschungsdatenbank melden und sich so an der Erforschung der Bodentiere beteiligen. Die App steht kostenlos zum Download zur Verfügung.
Unterstützung durch das Rote-Liste-Zentrum
Das Rote-Liste-Zentrum kann vorbereitende Arbeiten, die bereits Teil des Erstellungs- oder Aktualisierungsprozesses der Roten Listen Deutschlands sind, organisatorisch und finanziell unterstützen, besonders wenn sie wie in diesem Fall der Nachwuchsgewinnung dienen. Die Förderung zielt insbesondere auf jene Artengruppen, bei denen die Zahl der in Deutschland verfügbaren taxonomischen Expertinnen und Experten sehr gering ist: „Wir sind auf wissenschaftlichen Nachwuchs angewiesen – nur so werden wir in Zukunft genügend Fachleute haben, die die Roten Listen aktualisieren können“, so Dr. Karin Voigtländer.
Rote Liste und weitere Informationen
Aktuelle Rote Liste
Decker, P.; Burkhardt, U.; Hauser, H.; Lindner, E.N.; Moritz, L.; Reip, H.; Spelda, J. & Voigtländer, K. (2026): Rote Liste und Gesamtartenliste der Hundertfüßer und Doppelfüßer (Myriapoda: Chilopoda et Diplopoda) Deutschlands. – Naturschutz und Biologische Vielfalt 170 (12): 83 S.
Die aktuellen Rote-Liste-Daten sowie die elektronische Publiaktion sind auch als Download verfügbar.
Weitere Informationen
- Publikation “The millipedes and centipedes (Diplopoda, Chilopoda) of the UNESCO Biosphere Reserve Schorfheide-Chorin in Brandenburg (Germany)” in der Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachiger Myriapodologen: SCHUBARTIANA
- Foschung im Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz, Myriapoda/Arbeitsbereich Bodenmakrofauna
- Portal zum Erleben, Erkennen, Erfassen und Erforschen von Bodenlebewesen: Bodentier hoch vier
(Artikel veröffentlicht am 21.4.2021, aktualisiert am 13.5.2026)