Kleiner Lebensraum für eine unserer größten Libellen
Mit einer Größe bis 83 mm zählt die Gestreifte Quelljungfer (Cordulegaster bidentata) zu unseren größten einheimischen Libellen. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von den Pyrenäen im Westen bis zu den Karpaten und dem Balkangebirge im Osten, von Sizilien im Süden bis zum Nordrand der zentraleuropäischen Mittelgebirge. In Deutschland ist sie in fast allen Mittelgebirgen sowie den Alpen von der kollinen bis weit in die montane Höhenstufe nachgewiesen; in einigen Regionen kommt sie häufig vor.

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Der deutsche Name „Quelljungfer“ spiegelt die enge Bindung an ihre speziellen Entwicklungsgewässer wider. Diese sind Quellsümpfe und kleinste Quellbäche mit deutlichem Gefälle, aber geringer Wasserführung – zum Teil so unscheinbar, dass sie kaum als Gewässer zu erkennen sind. In den Mittelgebirgen liegen sie nahezu ausschließlich in (halb)schattigen Wäldern, so dass die Art bisweilen als „Waldlibelle“ bezeichnet wird.
Lange Zeit galt die Art als sehr selten. Aufgrund ihrer oft abgelegenen Habitate und dem Umstand, dass an ihren Lebensräumen kaum Libellen vermutet wurden, blieb sie vielerorts unentdeckt. Durch gezielte Erhebungen in den letzten Jahrzehnten wurden jedoch bisher unbekannte Vorkommensgebiete ermittelt und in bekannten höhere Fundortdichten festgestellt. verzeichnet
Einzigartige Eiablagetechnik
Zur Partnersuche patrouillieren die adulten Männchen in niedriger Höhe langsam entlang der Quellbäche. Dabei werden aber keine Reviere verteidigt. Patrouillieren mehrere gleichzeitig, so halten sie meist einen Abstand von etwa 15 m zueinander ein. Die Weibchen kommen hingegen nur zur Paarung und Eiablage zum Gewässer, dabei suchen sie zahlreiche Eiablageplätze auf. Mit nach unten gestelltem Hinterleib und im Rüttelflug stoßen bzw. pflügen sie mit einem stilettartig ausgebildeten Legebohrer ihre Eier an seichten Stellen in den Bachgrund – einzigartig unter den Libellen. Im rhythmischen Ein- bis Zweisekundentakt kommt es dabei in eng begrenzten Bereichen bis zu weit über 100 Einstichen.
Spitzenprädator mit Anpassungen an unregelmäßige Wasserführung

Die Larven entwickeln sich bevorzugt in strömungsberuhigten Bereichen mit einem hohen Anteil an mineralischem und organischem Feinsubstrat. Die älteren Stadien graben sich dort oberflächennah ein, oft schaut nur ein Teil des Körpers aus dem Sediment heraus. Sie ernähren sich meist als Lauerjäger von der anwesenden Quellfauna. In den meisten Fällen stellen sie in ihren aquatischen Lebensräumen die Endglieder der Nahrungskette dar. Seltener werden jüngere Stadien Beute von Feuersalamanderlarven, aber auch der umgekehrte Fall kommt vor: Kleine Salamanderlarven werden nicht selten von den Libellenlarven gefressen.
Ein Trockenfallen der Bäche bis zu drei Monate lang können besonders ältere Quelljungferlarven im Untergrund überstehen und in solchen Phasen ohne Nahrung auskommen. Sie sind aber auch in der Lage, „über Land“ in benachbarte Gewässer zu wechseln.
Verlängerte Kindheit
Die Gestreifte Quelljungfer ist unsere einheimische Libellenart mit der längsten Lebenszeit. Die Verwandlung von der Larve zum flugfähigen Insekt geschieht bei ihr oft erst nach fünf bis sechs Jahren. Die extrem lange Larvalentwicklung spiegelt den Zustand ihres Lebensraums wider. Die Art eignet sich somit als Langzeitindikation für solche Quellgewässer.

Der Schlupf findet in der Regel im Mai oder Juni statt. Nach einer anschließenden Reifezeit von etwa drei Wochen abseits der Gewässer auf geschützten sonnigen Lichtungen widmen sich die Gestreiften Quelljungfern dann der Fortpflanzung. Die Flugzeit kann bis in den August andauern, wobei von einer möglichen Lebensdauer der Imagines von etwa acht Wochen ausgegangen wird.
Wenn über lange Zeiträume die Gewässer austrocknen, führt das zu einem Erlöschen der Population, sofern sich in der Umgebung keine passenden Lebensräume befinden, in die die Larven abwandern können. Weitere Gefährdungen für die Gestreifte Quelljungfer an den sensiblen Quellbereichen ergeben sich durch bauliche oder forstliche Maßnahmen, z. B. durch Ablagerungen von Astwerk im Bachbett. Auch wenn ihre Lebensräume nach §30 Bundesnaturschutzgesetz geschützt sind, bedarf es daher eines schonenden Waldbaus.
(Artikel veröffentlicht am 21.5.2026)
Rote Liste der Libellen
(Datenstand Anfang 2012: In der Gliederung und im Text angepasster, aber in den Bewertungen unveränderter Nachdruck von Ott et al. (2015) in Libellula, Supplement 14.)
Ott, J.; Conze, K.-J.; Günther, A.; Lohr, M.; Mauersberger, R.; Roland, H.-J. & Suhling, F. (2021): Rote Liste und Gesamtartenliste der Libellen (Odonata) Deutschlands. – In: Ries, M.; Balzer, S.; Gruttke, H.; Haupt, H.; Hofbauer, N.; Ludwig, G. & Matzke-Hajek , G. (Red.): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 5: Wirbellose Tiere (Teil 3). – Münster (Landwirtschaftsverlag). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (5): 659-679
Die gesamten Rote-Liste-Daten sind auch als Download verfügbar.
