Ein Zufallsfund im Wald

„Im Jahr 2015 hatte ich die Möglichkeit, im Rahmen eines Monitoring-Programms für die Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft Rheinland-Pfalz (FAWF) Flechtenuntersuchungen in drei Naturwaldreservaten im Nationalpark Hunsrück-Hochwald durchzuführen. Am Erbeskopf fielen uns die dunklen Flecken auf dem hellen Gesteinsblockschutt auf. Es war eine Flechte, das war klar. Aber welche? Vielleicht eine Warzenflechte der Gattung Verrucaria? Die sind sehr schwer zu bestimmen, dachte ich. Und hier gibt es so viele andere Flechtenarten, die interessanter sind – da lassen wir die schweren Wackersteine lieber im Wald. Kommt nicht in Frage, sagte mein Mann zu mir. Ich trage die Steine auch, und du versuchst die Art im Labor in Koblenz genau zu bestimmen. Gesagt – getan. So nahm die Geschichte ihren Lauf.
Im Labor der Uni – die Nuss ist nicht zu knacken
Ich sitze stundenlang im Labor der Universität in Koblenz. Immer wieder schneide ich durch die zarten Fruchtkörper, vermesse die Sporen und vergleiche den Anblick im Mikroskop mit den Beschreibungen in den Bestimmungsbüchern. Aber immer stimmt etwas nicht, ich komme zu keinem Ergebnis. Prof. Dr. Eberhard Fischer, der Leiter unserer Arbeitsgruppe, versucht zu helfen – leider auch ohne Erfolg. Dann bleibt es eben bei „Verrucaria spec.“ – eine unbekannte Warzenflechte. Frustriert legen wir die Steine in den Herbarschrank. Es vergehen Monate und Jahre.
Eine zündende Idee

Die unbestimmte Verrucaria-Art lässt uns jedoch nicht los. Plötzlich hat Eberhard Fischer eine zündende Idee: Wir schicken die Steine zu Dr. Holger Thüs, dem Spezialisten für Warzenflechten. Nach kurzer Zeit bekommen wir eine wunderbare Nachricht: Bei der Verrucaria-Art aus dem Hunsrück handelt es sich um eine neue Art!
Die Erstbeschreibung
Gemeinsam mit Holger Thüs bereiten wir die Erstbeschreibung der Flechtenart vor. Wir beschließen, sie nach dem Fundort im Nationalpark Hunsrück-Hochwald zu benennen, also Verrucaria hunsrueckensis. Das Manuskript wird bei einem wissenschaftlichen Journal eingereicht – und angenommen. Zur Vorstellung der neuen Art lädt die damalige Umweltministerin Ulrike Höfken persönlich in das Nationalparktor am Erbeskopf ein. Zahlreiche regionale und überregionale Zeitungen berichten darüber, und sogar im Radio und im Fernsehen wird „von der Weltneuheit aus dem Nationalpark“ gesprochen.“
Vorkommen, Ökologie und Ausblick
Verrucaria hunsrueckensis – die Hunsrück-Warzenflechte – ist weltweit bisher nur von einem Waldstück im Nationalpark Hunsrück-Hochwald bekannt. Sie wächst auf Gesteinsschutt am Waldboden und besitzt einen fast schwarzen, krustenförmigen Thallus sowie besonders schlanke Ascosporen. Durch den doppelten Schutzstatus des Gebietes als Naturwaldreservat und Nationalpark ist die extrem seltene Art wahrscheinlich nicht im Bestand gefährdet. In der neuen Roten Liste der Flechten Deutschlands wird sie in die Kategorie „R“ eingestuft werden.
Ein Beitrag von Dr. Dorothee Killmann
Die Biologin ist Flechtenspezialistin und wirkt an der Erstellung der Roten Liste der Flechten auf Bundesebene mit. Weitere Informationen unter www.uni-koblenz.de und auf dem Instagram Account dorothee_killmann.

© Foto: Dr. Dorothee Killmann
Publikation Erstbeschreibung
Thüs, H., Killmann, D., Leh, B. & Fischer, E. (2018): Verrucaria hunsrueckensis (Verrucariaceae, lichenized Ascomycota), a new rare species with exceptionally slender ascospores from Germany. Phytotaxa 345 (1), 26-34.
(Artikel veröffentlicht am 3.11.2025)