Das Leben im Untergrund: Existenz ohne Licht

© Foto: Christina Bunte
Der Blattlose Widerbart (Epipogium aphyllum) bricht mit den Gesetzen, denen die meisten Pflanzen folgen: Er benötigt kein Licht und besitzt keinerlei Blattgrün (Chlorophyll). Seine Blätter sind zu wenigen kleinen Schuppen reduziert. Statt Photosynthese zu betreiben ernährt er sich mykotroph: Seine Wurzeln sind mit einem dichten unterirdischen Netzwerk aus Pilzfäden verbunden. Aus ihnen bezieht sein bleiches, korallenartig verzweigtes Rhizom Wasser, Mineralstoffe und Kohlenhydrate. Die Pilze, welche er anzapft, leben ihrerseits in Symbiose mit Waldbäumen.
Nur dank dieser ungewöhnlichen Ernährung kann der Widerbart viele Jahre ausschließlich unter der Erde überleben. Erst wenn nach einem niederschlagsreichen Frühsommer Feuchtigkeit und Temperatur stimmen, treibt er Ende Juli einen oder mehrere, meist 10 bis 30 cm hohe, blasse Sprosse an die Oberfläche. In trockenen Jahren bleibt er dagegen komplett verborgen.
An den Blütenstängeln wachsen, meist etwas voneinander abgerückt, mehrere hängende, etwa zwei Zentimeter große Blüten. Fünf ihrer sechs Blütenblätter sind schmal, etwa gleich lang und gelblich. Auffällig ist nur das große, obere Blütenblatt, das man auch „Lippe“ nennt: Es ist gelblich-weiß mit einem Hauch von Rosa. Sein mittlerer Teil ist herzförmig, nach oben gebogen und mit Reihen aus violetten Linien gemustert.
Während sich bei fast allen anderen Orchideen die Blüte während ihrer Entwicklung um 180 Grad dreht, so dass die auffällige Lippe nach unten orientiert und als Landeplatz für Insekten geeignet ist, bildet diese Lippe beim Widerbart eine Art fransiges Dach. Darauf spielt auch der deutsche Name an: „Wider-“ bedeutet „gegen“ oder „verkehrt herum“ und „-bart“ bezieht sich auf die die fransige Oberfläche der Blütenlippe. Die Bestäubung der leicht bananenartig duftenden Blüten wird von verschiedenen Hummelarten vermittelt.
Wo sich die Geisterorchidee versteckt
In Deutschland findet man den Widerbart mit Glück vor allem in den Alpen und in wenigen Mittelgebirgen (z. B. Schwäbische Alb, Rhön und Eifel).

Er bevorzugt Laub-, Misch- und Nadelwälder mit einer dicken Moderhumusschicht über kalkreichen Böden. Nach der bundesweiten Roten Liste ist er stark gefährdet. Rückgangsursachen sind vermutlich die Kahlschlagwirtschaft im Wald und der Klimawandel: Langanhaltende Dürreperioden im Sommer trocknen den Boden aus, führen zu einem Abbau der Humusschicht und zu einer Schädigung der Pilze, auf die der Widerbart existenziell angewiesen ist. Lokal kann auch die Bodenverdichtung durch schwere Maschinen zur Störung des empfindlichen Systems beitragen.
Wer die „Geisterorchidee“ im schattigen Unterholz findet, darf sich also glücklich schätzen und sollte sich an diesem seltenen Anblick erfreuen. Wie alle Orchideenarten, ist der Blattlose Widerbart in Deutschland besonders geschützt. Nur so hat das Phantom im Schatten der Wälder überhaupt eine Zukunft.
Ein Beitrag von Christina Bunte
Die Hobbyfotografin und Orchideenkennerin verbringt in den Frühlings- und Sommermonaten jede freie Minute in der Natur. Ihre Begeisterung für wildwachsende Orchideen geht auf eine Zufallsbegegnung im schwedischen Ånga zurück. Seitdem ist ihr Interesse zu mehr als einem Hobby geworden und ihre Kenntnisse erstrecken sich mittlerweile bis tief in die Botanik hinein.

Rote Liste und weitere Informationen
Rote Liste der Farn und Blütenpflanzen Deutschlands
Metzing, D.; Garve, E.; Matzke-Hajek, G.; Adler, J.; Bleeker, W.; Breunig, T.; Caspari, S.; Dunkel, F.G.; Fritsch, R.; Gottschlich, G.; Gregor, T.; Hand, R.; Hauck, M.; Korsch, H.; Meierott, L.; Meyer, N.; Renker, C.; Romahn, K.; Schulz, D.; Täuber, T.; Uhlemann, I.; Welk, E.; Van de Weyer, K.; Wörz, A.; Zahlheimer, W.; Zehm, A. & Zimmermann, F. (2018): Rote Liste und Gesamtartenliste der Farn- und Blütenpflanzen (Trachaeophyta) Deutschlands. – In: Metzing, D.; Hofbauer, N.; Ludwig, G. & Matzke-Hajek, G. (Red.): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 7: Pflanzen. – Münster (Landwirtschaftsverlag). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (7): 13–358.
Die Rote-Liste-Daten sind auch als Download verfügbar.
Rote-Liste-Steckbrief
Blattloser Widerbart (Epipogium aphyllum)
Blattloser Widerbart
(Epipogium aphyllum)
Rote-Liste-Kategorie: Stark gefährdet
(Artikel veröffentlicht am 6.7.2026)