Spülsaumfunde geben Rätsel auf

Irgendwo vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste lebt eine Population des Kurzschnäuzigen Seepferdchens (Hippocampus hippocampus). Die Funde, die das belegen, stammen zum Großteil von Spaziergängerinnen und Spaziergängern. Allein seit 2020 meldeten sie bei einer Online-Plattform 140 Seepferdchenfunde im Spülsaum der deutschen Nordseeküste. Von 1949 bis 2020 waren Fachleuten nur sieben Meldungen bekannt. Nutzerinnen und Nutzer der Plattform „Beach-Explorer“ luden Fotos hoch und gaben die toten Seepferdchen zur Analyse ab. Dank deren Untersuchung hoffen Forschende nun ein Rätsel zu lösen: Wo genau kommen diese Seepferdchen her?
Nicht nur über die deutschen Seepferdchen weiß man wenig: Auch wie stark gefährdet das Kurzschnäuzige Seepferdchen und seine Verwandten weltweit sind, ist unklar. Sie sind gut getarnt und kommen nur in ganz bestimmten Lebensräumen am Meeresboden vor, was ihre Erfassung mit herkömmlichen Methoden erschwert. Sowohl in der deutschen Roten Liste als auch in der weltweit geltenden der IUCN (International Union for Conservation of Nature) hatte die Art Hippocampus hippocampus daher die Gefährdungskategorie „Data Deficient“ – Daten unzureichend. Bessere Chancen, die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu entdecken, hat man im Mittelmeer beim Schnorcheln oder Tauchen. Vor Italiens Küsten sind die faszinierenden Meeresbewohner regelmäßig zu beobachten.
Ein Camouflage-Fisch mit Affenschwanz und schwangeren Vätern
Das zu den Knochenfischen gehörende Seepferdchen beflügelt mit seiner Form und Lebensweise unsere Fantasie – ein Fischchen mit Pferdekopf und nur gut fingerlang, was ihm wohl den verniedlichenden Namen eingebracht hat. Es schwimmt aufrecht und hat einen geschwungenen Hals. Die kurze rüsselartige, aber spitz zulaufende Schnauze dient dem Seepferdchen als Saugapparat, um seiner Beute – winzigen Krebsen und Fischen – aufzulauern und sie blitzschnell einzusaugen. Seine Tarnfarbe und die gerippte Körperoberfläche helfen ihm dabei, nicht vorzeitig entdeckt zu werden.
Auch die Fortpflanzung läuft nicht konventionell ab: Als eines von wenigen Tieren tragen beim Seepferdchen die Männchen die Brut aus. Das Weibchen legt Eier in eine Bauchfalte des Partners, der sie dort befruchtet. Die Nachkommen schlüpfen und wachsen – wohlgenährt in dieser Tasche – heran, bis sie nach etwa zwei bis vier Wochen herausgepresst werden: eine für Fische spektakuläre Geburt von 50 bis 100 Mini-Seepferdchen.
Das nach ihm benannte Frühschwimmerabzeichen würden Seepferdchen vielleicht nicht einmal bestehen: Sie sind extrem langsame Schwimmer und lediglich die kleine undulierende Rückenflosse treibt sie voran. So schweben sie durch ihr sandiges Habitat und halten sich mit ihrem flexiblen Greifschwanz wie Äffchen an Seegrashalmen, Algen oder Steinen fest. Obwohl sie bis zu einer Tiefe von 60 Metern vorkommen können, sind sie meist in den oberen 10 Metern zu finden, am liebsten in Seegraswiesen.
In der Serengeti der Meere zu Hause

Die dichten Seegrasmatten, die wegen ihrer Artenvielfalt „Serengeti der Meere“ genannt werden, sind heute in Nord- und Ostsee selten geworden. Eine Krankheit vernichtete in den 1930er Jahren die Unterwasserwiesen und sie erholen sich nur langsam. Auch Umweltverschmutzung und Klimawandel bedrohen den wertvollen Lebensraum. Das Gewöhnliche Seegras (Zostera marina) kommt zwar im Wattenmeer heute wieder vermehrt vor, die Unterwasserpflanzen wachsen dort bislang aber nur so dicht an der Oberfläche, dass Seepferdchen nicht überleben können: Die Wiesen fallen bei Ebbe trocken. Woher stammen die angeschwemmten Seepferdchen dann?
„Was wir beobachten, ist wahrscheinlich ein Spill-Over-Effekt aus dem Ärmelkanal“, erklärt Meeresforscher Hermann Neumann vom Thünen-Institut, der mit den Daten der Citizen-Science-Kampagne „Beach-Explorer“ arbeitet. Die genetischen Analysen der Funde sind noch nicht abgeschlossen und ob sich die Seepferdchen in den deutschen Gewässern fortpflanzen, ist auch noch nicht klar. Möglich wäre, dass sie neue Habitate besiedelt haben. Im Ärmelkanal hat die Population in den letzten Jahren stark zugenommen und von dort ist der Weg mit der Meeresströmung entlang der Nordseeküste nicht weit.
In der Nordsee wiederum sind neue Lebensräume entstanden, die den „Pferdchen“ zusagen könnten: An Steinschüttungen von Offshore-Windparks sowie zwischen eingeschleppten Arten wie dem Japanischen Beerentang oder der Pazifischen Auster könnte das Seepferdchen einen passenden Lebensraum finden, merkt Hermann Neumann an. Unklar ist, ob die Kurzschnäuzigen Seepferdchen schon früher in der Nordsee und Ostsee heimisch waren. Viele Forschende vermuten es, doch sichere historische Belege fehlen. Erleben sie ein Comeback oder sind es Newcomer? Damit sie jedenfalls kein One-Hit-Wonder bleiben, brauchen sie Schutz, gesunde Habitate und weitere Forschung.
(Artikel veröffentlicht am 4.7.2025)
Rote Liste und weitere Informationen
Rote Liste der Meeresfische und Neunaugen
Thiel, R.; Winkler, H.M.; Sarrazin, V.; Böttcher, U.; Dänhardt, A.; Dorow, M.; Dureuil, M.; George, M.; Kuhs, V.N.; Oesterwind, D.; Probst, W.N.; Schaarschmidt, T. & Vorberg, R. (2025): Rote Liste und Gesamtartenliste der Fische und Neunaugen (Elasmobranchii, Actinopterygii & Petromyzontida) der marinen Gewässer Deutschlands. – Naturschutz und Biologische Vielfalt 170 (9): 119 S.
Die Rote-Liste-Daten sowie die elektronische Publikation sind auch als kostenfreier Download verfügbar.
Weitere Informationen
- Seepferdchen und andere Strandfunde melden: BeachExplorer
- ARD-Dokumentation zu Seepferdchen: Schwangere Männer und Partnerlook: Seepferdchen im Liebesrausch | Planet der Liebe
- Seegraswiesen: Seegras für den Klimaschutz – ein Projekt aus dem Aktionsprogramm natürlicher Klimaschutz