Verschollenes Moos auf Steinbockkot wiederentdeckt

Als Vorbereitung für die Rote Liste der Moose haben das Rote-Liste-Zentrum und die Delattinia drei Experten damit beauftragt, in Deutschland seltene und verschollene Moosarten aufzuspüren. Mit Erfolg: Im August 2026 entdeckten sie im Berchtesgadener Land das Krug-Vierzackmoos. Die als verschollen geltende Art wurde seit fast 70 Jahren das erste Mal wieder in Deutschland nachgewiesen!

Laubmoose mit Vorliebe für Dung und Tierleichen

Die Gesamtartenliste der Moose Deutschlands umfasst 1.195 etablierte Arten, Unterarten und Varietäten. Für manche Arten – wie das Krug-Vierzackmoos (Tetraplodon urceolatus) – gab es seit Jahrzehnten keine Sichtung. In solchen Fällen ist unklar, ob diese Arten ausgestorben, vom Aussterben bedroht, extrem selten oder stark gefährdet sind.

Zuletzt gefunden wurde das Krug-Vierzackmoos 1958 am Schneibstein – nur wenige Kilometer entfernt vom jetzigen Fundort im Berchtesgadener Land. Foto: Stefan Gey

Die Moosexperten Stefan Gey, Markus Preußing und Markus Reimann suchten speziell nach solchen Moosen an alpinen Standorten. An einem exponierten Grat in 2.000 Metern Höhe in den Berchtesgadener Alpen entdeckte Stefan Gey das Krug-Vierzackmoos. Er wird den Fund demnächst in einer Fachzeitschrift publizieren, voraussichtlich im Dezember 2026 in „Berichte der Bayerischen Botanischen Gesellschaft“.

Die Splachnaceae, zu denen die Art Tetraplodon urceolatus gehört, sind fast alle selten, sehr selten oder extrem selten und mehr oder weniger stark gefährdet. Es sind Laubmoose mit speziellen Substratvorlieben: Sie wachsen gerne auf Kot, Knochen oder anderem tierischen Material. Sie alle werden durch Insekten, meist Aas- oder Dungfliegen, verbreitet. Alle Taxa der Splachnaceae kommen nur an kühlen Standorten (Moore, Nordhänge) oder in den Hochlagen der Gebirge vor, denn das Substrat, auf dem sie wachsen, darf sich nur langsam zersetzen.

Folgt das Moos dem Steinbock?

Die Splachnaceae, zu denen das Krug-Vierzackmoos gehört, wachsen gerne auf Kot, Knochen oder anderem tierischen Material. Foto: Stefan Gey

Letztmals zuvor gefunden wurde das Krug-Vierzackmoos im Jahr 1958 am Schneibstein – nur wenige Kilometer entfernt vom jetzigen Fundort. Neu ist, dass die Experten das Moos auf Steinbockkot entdeckten. „Interessant an dem aktuellen Fund ist: Es gibt derzeit so viele Steinböcke wie vermutlich noch nie zuvor in Deutschland, man geht von etwa 800 Exemplaren aus“, erläutert Steffen Caspari, Leiter des Rote-Liste-Zentrums. „Obwohl die Splachnaceae alle infolge des Klimawandels zurückgehen, könnte es sogar sein, dass T. urceolatus künftig öfter zu finden ist, schlicht, weil das Substratangebot wesentlich besser ist als früher.“
Wie sehr das Auftreten des Steinbocks die Verbreitung des Mooses begünstigt – Kot anderer Tierarten steht in der alpinen Stufe ansonsten kaum zur Verfügung – benötigt jedoch weitere Forschung.

Nachsuche für bessere Datenlage

Im Zuge der vorbereitenden Arbeiten der Roten Listen Deutschlands setzt das Rote-Liste-Zentrum neben dem Zusammenführen von verfügbaren Nachweisdaten auf gezielte Nachsuchen. Für eine Klärung untersuchen Experten und Expertinnen der jeweiligen Artengruppen an bekannten früheren Fundorten oder in potentiell geeigneten Lebensräumen, ob die Zielart dort noch vorkommt oder nicht. Solche zielgerichteten Kartierungen sind immer dann sinnvoll, wenn es zu ausgewählten Arten seit Jahrzehnten keinerlei aktuelle Daten gibt. Diese Strategie hat sich als sehr effektiv erwiesen und führt zu einer deutlich verbesserten Datenlage. Damit lässt sich die Aussagekraft der Roten Listen weiter steigern.

Weitere Informationen

Rote Liste der Moose Deutschlands  

Caspari, S.; Dürhammer, O.; Sauer, M. & Schmidt, C. (2018): Rote Liste und Gesamtartenliste der Moose (Anthocerotophyta, Marchantiophyta und Bryophyta) Deutschlands. – In: Metzing, D.; Hofbauer, N.; Ludwig, G. & Matzke-Hajek, G. (Red.): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 7: Pflanzen. – Münster (Landwirtschaftsverlag). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (7): 361–489.

Die aktuellen Rote-Liste-Daten sind auch als Download verfügbar.

Der Alpensteinbock

Informationen der Deutschen Wildtierstiftung

(Artikel veröffentlicht am 9.10.2026)

An diesem Ort wurde das seltene Moos entdeckt. Die Moose sind nur an kühlen Standorten und in Höhenlagen zu finden. Foto: Stefan Gey