Hausbewohner mit missverständlichem Namen
Die Weberknechte haben viele Namen und sind fest in der europäischen Kultur verankert. Je nach Region werden sie im Volksmund auch Schneider, Schuster, Kanker oder Zimmermänner genannt. Der englischen Populärname „harvestmen“ weist ebenso wie der im süddeutschen Raum gebräuchliche Begriff „Mähder“ auf das bevorzugte Auftreten während der Erntesaison hin. Der etablierte deutsche Name ist durchaus missverständlich, da die Tiere nicht „weben“: Vermutlich entstand der Name einst durch Assoziation der charakteristisch wippenden Motorik dieser Langbeiner mit Bewegungsmustern an mechanischen Webstühlen.
Klimawandel zeigt Wirkung

Der Hornkanker (Phalangium opilio) ist nach dem Verbreitungsatlas der Arachnologischen Gesellschaft die häufigste der insgesamt 55 etablierten Weberknechtarten in Deutschland. Im Gegensatz zu den meisten einheimischen Arten, besiedelt er bevorzugt offene und lichtexponierte Biotope in der Kulturlandschaft – zum Beispiel Hauswände und Mauern. Wie alle Weberknechte reagiert der Hornkanker aber sehr sensibel auf Austrocknung.
Besonders die Jugendstadien der Weberknechte brauchen zum Überleben ein ausgeglichenes Mikroklima und genügend Feuchtigkeit. Die extrem trockenen Sommer 2018 – 2020 haben die Bestände selbst Trockenheit tolerierender Arten vielerorts zusammenbrechen und lokal verschwinden lassen. Der kurzfristige Bestandstrend wird deshalb in der nächsten Roten Liste als abnehmend eingeschätzt werden. Angesichts des fortschreitenden Klimawandels ist die Prognose für die Artengruppe der Weberknechte insgesamt wenig erfreulich.
Zusätzlich stehen die einheimischen Weberknechte verstärkt in Konkurrenz zu eingeführten Arten, die mit den veränderten Umweltbedingungen besser zurechtkommen, und werden von ihnen verdrängt. Das Ausmaß der Faunenveränderung der mitteleuropäischen Weberknechtgemeinschaften, das sich in den letzten 50 Jahren vollzogen hat, ist nahezu beispiellos. In immer kürzeren Zeiträumen erobern gebietsfremde Arten weite Teile Mitteleuropas. Besonders gut zu beobachten ist dies in der Gilde der langbeinigen Hauswandbewohner, zu der auch der Hornkanker zählt. Hier dominiert inzwischen der nach 1970 eingewanderte Apenninkanker (Opilio canestrinii) überall sehr deutlich. Weitere Arten, wie der auffällige Streckfuß (Dicranopalpus ramosus) und der Palpenbürstenkanker (Dasylobus graniferus) sind ebenfalls auf dem Vormarsch. Man muss schon in sehr abgelegenen oder ländlichen Gegenden suchen, um den Hornkanker am Wohnhaus überhaupt noch im Portfolio zu haben.
Gehörnte Rivalen
Eine Besonderheit des Hornkankers sind die hornartigen Fortsätze des zweiten Gliedes der Kieferklauen (Chelizeren) bei den Männchen. Die Größe dieser Chelizerenhörner ist ausgesprochen variabel und reicht von einem flachen Buckel (ähnlich dem der Weibchen) bis zu gigantischen Spitzen, welche die eigene Körperlänge erreichen können.

Die Hörner haben Funktionen sowohl bei Interaktionen zwischen den Männchen als auch bei der Paarung. Bei Rivalenkämpfen nutzen die Männchen die Chelizerenhörner, um sich gegenseitig wegzudrücken. Die Kontaktflächen sind mit Mechanorezeptoren ausgestattet, wodurch die Kontrahenten die Größe und Kraft des Gegners leicht einschätzen können. Auseinandersetzungen verlaufen somit in der Regel ohne Verletzungen (sogenannte Kommentkämpfe). Nach der Paarung beugen sich die Männchen typischerweise über das Weibchen und positionieren ihre Chelizerenhörner auf dessen Rücken. Möglicherweise können die Weibchen dadurch die Fitness des Fortpflanzungspartners einschätzen.
Ein Beitrag von Dr. Christoph Muster
Der Diplom-Biologe ist Spezialist für Spinnentiere und freiberuflich tätig. Er hat an der Erstellung von zahlreichen Checklisten und Roten Listen auf Bundes- und Landesebene mitgewirkt. Aktuell koordiniert er die in redaktioneller Abstimmung befindlichen Roten Listen und Gesamtartenlisten der Spinnen, der Weberknechte und der Pseudoskorpione Deutschlands. Er ist Vorsitzender der Arachnologischen Gesellschaft (https://arages.de/).
(Artikel veröffentlicht am 5.10.2026 )

Rote Liste und weitere Informationen
Rote Liste der Weberknechte Deutschlands
Muster, C.; Blick, T. & Schönhofer, A. (2016): Rote Liste und Gesamtartenliste der Weberknechte (Arachnida: Pseudoscorpiones) Deutschlands. – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70(4), 513–536.
Rote-Liste-Daten zum Download https://www.rote-liste-zentrum.de/die-roten-listen/download-wirbellose-tiere/
Weitere Informationen
Arachnologische Gesellschaft (2026): Atlas der Spinnentiere Europas: https://atlas.arages.de
Astrin, J.J.; Höfer, H.; Spelda, J.; Holstein, J.; Bayer, S.; Hendrich, L.; Huber, B.A.; Kielhorn, K.-H.; Krammer, H.-J.; Lemke, M.; Monje, J.C.; Morinière, J.; Rulik, B.; Petersen, M.; Janssen, H. & Muster, C. (2016): Towards a DNA barcode reference database for spiders and harvestmen of Germany. – PLoS ONE 11 (9): e0162624. DOI: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0162624.
Komposch, C. (2020): Weberknechte (Arachnida: Opiliones). In: Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Rote Listen Sachsen-Anhalt. – Halle / Saale. – Berichte des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt 1/2020: 437–450.
Martens, J. (2021): Vier Dekaden Weberknechtforschung mit dem 64. Band der ‚Tierwelt Deutschlands‘ – Rückblick, aktueller Stand und Ausblick. – Arachnologische Mitteilungen 62: 35–60. DOI: https://doi.org/10.30963/aramit6205.
Willemart, R. H.; Farine, J. P.; Peretti, A. V. & Gnaspini, P. (2007): Behavioral roles of the sexually dimorphic structures in the male harvestman, Phalangium opilio (Opiliones, Phalangiidae). – Canadian Journal of Zoology 84(12): 1763–1774. https://doi.org/10.1139/z06-173