Wehe dem, der Fichten vernascht
Ein kompakter braun-schwarzer Käfer schreibt Schlagzeilen wegen des Schadens, den er in deutschen Wäldern anrichtet. Obwohl der Buchdrucker (Ips typographus) nur fünf Millimeter lang wird, ist er ein Riese unter den weltweit über 6.000 Arten von Borkenkäfern. Alle sind auf bestimmte Pflanzenwirte spezialisiert. Der Buchdrucker bohrt seine Gänge am liebsten in der Rinde von Fichten, die in Deutschland als „Brotbaum der Waldwirtschaft“ gelten. So wurde aus dem Buchdrucker ein verhasster Gegner der Forstwirtschaft.
Totholz schafft Lebensgrundlage

Im Mischwald ist der Buchdrucker einfach Teil eines funktionierenden Ökosystems. Gesunde Fichten können sich gut gegen ihn wehren, indem sie verstärkt Harz und chemische Abwehrstoffe produzieren. Eigentlich besiedelt der Buchdrucker von Stürmen umgeworfene Stämme. Bei stärkerem Befall kann er aber geschwächte Fichten abtöten. Der Buchdrucker setzt den Prozess des Holzabbaus im Wald in Gang. Das verrottende Holz bildet dann die Lebensgrundlage für eine Vielfalt von weiteren Tier-, Pilz- und Pflanzenarten. Die Männchen des Buchdruckers sind die ersten, die einen Baum anknabbern und versuchen Gänge zu bohren, in denen sie dann Weibchen anlocken, um zu brüten. Sie fressen Rindenbast, zersetzen ihn aber erst mithilfe eines Pilzes, mit dem sie das Holz beimpfen. Dadurch wird das Holz vorverdaut und von Abwehrstoffen befreit. Wie die meisten Borkenkäferarten sind sie sozusagen urtümliche Landwirte. Die Pilzsporen tragen sie sogar in speziellen Organen mit sich umher, wie kürzlich bekannt wurde. Die Gänge, die sie im Rindenbast bohren – ein zentraler, breiter Muttergang, in dem die Weibchen Eier legen und aus dem die Larven quer jeweils neue Gänge bohren – zeichnen im befallenen Holz ein artspezifisches Muster. Schon vor 250 Jahren schrieb der Naturgeschichtler Jakob Benjamin Fischer von einem „Käferchen … an Fichtenstämmen und am Zimmerholz, wo es Buchstaben ähnliche Furchen macht und ein zartes Wurmmehl zurück läßt“.
So wurde der winzige Käfer zum Riesenproblem
Aber wie fressen sich die Baumparasiten durch ganze Waldgebiete? Die schnellwüchsige Fichte wurde seit dem 18. Jahrhundert zum Liebling der Forstwirtschaft und dominiert ganze Landstriche in Deutschland. Auch in Lagen, die ihrer natürlichen Verbreitung nicht entsprechen: Ursprünglich war die Gemeine Fichte in Europa nur in höheren Bergregionen und im hohen Norden zu finden. Vom Menschen begründete Nutzwälder mit altersgleichen Fichten, die dicht an dicht wachsen, machen die Massenvermehrung des Buchdruckers erst möglich. Hinzu kommt der Klimawandel, der die Fichten schwächt: Anhaltende Trockenphasen und Sturmschäden reißen Lücken in diese Bestände und verringern die Abwehrkräfte der Bäume. Das wittern Borkenkäfer und besiedeln in großer Zahlen geschwächte Fichten. Käfermännchen, die als Pioniere Holz befallen, setzen Lockstoffe frei, die weitere Artgenossen anziehen. Die Weibchen haben bis zu 50 Nachkommen und das mehrmals im Jahr – zehntausende Käfer entwickeln sich so in den Versorgungsadern des Baumes, der aushungert und abstirbt.

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„Epidemische Vermehrungen, wie wir sie seit 40 Jahren gehäuft sehen, waren früher eher selten – seit den 90er Jahren kommen wir aus dieser Epidemie gar nicht heraus“, erklärt Forstinsekten-Forscher Peter Biedermann von der Universität Freiburg. 2019 etwa wurden rund 31,7 Millionen Kubikmeter Wald aufgrund von Insektenschäden in Deutschland gefällt. Um gesunde Bestände zu schützen, werden befallene Bäume entfernt. In Schutzgebieten kann es dagegen sinnvoll sein, den Dingen ihren Lauf zu lassen: Entnimmt man kranke Bäume, leidet die Artenvielfalt im Wald beträchtlich, wie Metastudien nachweisen konnten. Dazu kommt: „Irgendwann hört die Massenvermehrung auf. Woran das liegt, das erforschen wir gerade“, berichtet Biedermann. Möglich wäre, dass biologische Gegenspieler die Vermehrung der Käfer begrenzen – „Ein Virus zum Beispiel“, vermutet Biedermann.
Für den Artenschutz eher Segen als Fluch
Der Anblick der massiven Schäden eines starken Buchdruckerbefalls ist zwar deprimierend – totes Holz weit und breit. Doch nur auf den ersten Blick: Eine Langzeitstudie von Schweizer Forschenden aus 2025 zeigt, dass die Artenvielfalt im Wald zurückkehrt und beispielsweise Spechte von den Massenvermehrungen profitieren. Langfristig hilft aber nur, von den Fichten-Monokulturen Abschied zu nehmen und sie in reichstrukturierte, klimaangepasste Mischwälder umzubauen. Vielleicht wird dann auch der Ruf des Buchdruckers rehabilitiert.
(Artikel veröffentlicht am 9.6.2026)
Rote Liste und weitere Informationen
Rote Liste der Borkenkäfer, Kernkäfer und Breitrüssler
Bussler, H. & Bense, U. (2021): Rote Liste und Gesamtartenliste der Borkenkäfer, Kernkäfer und Breitrüssler (Coleoptera: Scolytidae, Platypodidae, Anthribidae) Deutschlands. – In: Ries, M.; Balzer, S.; Gruttke, H.; Haupt, H.; Hofbauer, N.; Ludwig, G. & Matzke-Hajek , G. (Red.): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 5: Wirbellose Tiere (Teil 3). – Münster (Landwirtschaftsverlag). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (5): 415-432
Die gesamten Rote-Liste-Daten sind auch als Download verfügbar.
Weitere Informationen:
Borkenkäfer im Anthropozän – Herausforderungen und Lösungsansätze – Wissenschaftlicher Vortrag von Prof. Dr. Peter Biedermann
Basile, Marco; Pasinelli, Gilberto; Stroheker, Sophie; Abegg, Meinrad; Bollmann, Kurt; Gossner, Martin M. et al. (2025): Large-scale importance of bark beetle outbreaks for standing deadwood and woodpeckers. In: Journal of Animal Ecology 94 (9), S. 1650–1664. DOI: 10.1111/1365-2656.70096
Thorn, Simon; Bässler, Claus; Brandl, Roland; Burton, Philip J.; Cahall, Rebecca; Campbell, John L. et al. (2018): Impacts of salvage logging on biodiversity: a meta-analysis. In: The Journal of applied ecology 55 (1), S. 279–289. DOI: 10.1111/1365-2664.12945
