Trommelwolf

Wer im Wald leise Trommelwirbel hört, vermutet nicht, dass ein winziger „Wolf“ dahinter steckt: Der nur 5-6 mm große Trommelwolf, eine Spinnenart, wirbt damit zur Balzzeit um Partner. Die mit dem Hinterleib auf trockenem Laub erzeugten Geräusche sind auch für das menschliche Ohr deutlich zu hören. In der Roten Liste der Spinnen Deutschlands ist die Wolfsspinne, die Moor-, Sumpf- und Auenwäldern liebt, als gefährdet eingestuft.

Der Trommelwolf ist unser "Tier des Monats" Juli.

Wölfe unter den Wirbellosen

In den vergangenen Jahren ist viel über die Ausbreitung des Wolfs in Deutschland berichtet worden. Die Arachnologen (Spinnentier-Kundige) sind sich einig, dass unser Land auch in den vergangenen Jahrhunderten kontinuierlich von „Wölfen“ besiedelt war. In einer kürzlich veröffentlichten Arbeit haben sie die Populärnamen der über 1.000 einheimischen Spinnenarten zusammengetragen, angepasst und erläutert, viele Arten erhielten erstmals einen deutschen Namen. So gibt es in der bisher schon als Wolfspinnen bekannten Familie der Lycosidae nun über 70 Arten von Stachel-, Wühl-, Lauf-, Nacht- und Sonnenwölfen. Fast alle Wolfspinnen sind – ihrem Namen entsprechend – aktive Jäger, die keine Fangnetze bauen. Besonders im zeitigen Frühjahr kann man sie in großer Zahl an sonnigen Waldrändern und auf Wiesen beobachten.

Ein exzentrischer Perkussionist

Der Trommelwolf (Hygrolycosa rubrofasciata) ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Schon äußerlich unterscheidet sich die gelbbraune Art von den sonst meist dunkel gefärbten Verwandten. Wie fast alle Wolfspinnen heften die Weibchen der Trommelwölfe ihre Ei-Kokons an die Spinnwarzen und tragen sie mit sich herum. Bei ihnen erklimmen die geschlüpften Jungspinnen jedoch nicht den Hinterleib der Weibchen, um sich noch einige Tage herumtragen zu lassen, sondern sie verbleiben auf der leeren Kokonhaut und verteilen sich nach wenigen Stunden im Gelände. Dies wird als Anpassung an unwirtliche Habitate gewertet. Im Gegensatz zu den häufigen Laufwölfen, die meist offene und trockene Lebensräume bevorzugen, besiedelt der Trommelwolf schwerpunktmäßig feuchte Wälder und Gebüsche, beispielsweise Erlenbruchwälder. Da Qualität und Flächenanteile von Moor-, Sumpf- und Auenwäldern stark rückläufig sind, müssen auch für den Trommelwolf negative Bestandsentwicklungen angenommen werden. Die Art wurde deshalb in der Roten Liste der Spinnen Deutschlands als gefährdet eingestuft (Kategorie 3).

Werbetrommel für die eigene Fitness

Wie alle Wolfspinnen besitzt der Trommelwolf acht Augen. Besonders sehstark sind die vergrößerten vorderen Mittelaugen. Bei vielen Wolfspinnen sind komplexe visuelle Balzrituale entstanden. Foto: Dr. Joergen Lissner

Wie alle Wolfspinnen besitzt der Trommelwolf acht Augen. Besonders sehstark sind die vergrößerten vorderen Mittelaugen. Bei vielen Wolfspinnen sind komplexe visuelle Balzrituale entstanden.

Foto: Dr. Jørgen Lissner

Das Bemerkenswerteste am Trommelwolf ist aber zweifellos das einzigartige Balzverhalten. Im Frühjahr suchen die Männchen sonnenexponierte Waldränder auf und beginnen mit ihrem Hinterleib auf trockenem Laub zu trommeln. Das machen sie mit einem Polster aus ca. 400 verdickten, knopfartigen Trommelhaaren. Das Trommelgeräusch ist auch für das menschliche Ohr mehrere Meter weit zu hören! Ein Trommelwirbel besteht aus ca. 30 Trommelschlägen und dauert ungefähr eine Sekunde. Tonaufnahmen sind in der Deutschen Digitalen Bibliothek abrufbar

Die Kommunikation zwischen den Geschlechtern ist komplex, empfängliche Weibchen antworten ebenfalls mit ihrem Hinterleib und es kann zu regelrechten akustischen „Duetten“ kommen. Finnische Forscher haben dieses Verhalten jahrelang aus evolutionsbiologischer Sicht untersucht und verblüffende Erkenntnisse gewonnen: Weibchen bevorzugen eindeutig jene Männchen, die länger und lauter trommeln, während die Signalfrequenz keinen Einfluss auf die Partnerwahl hat. Die Dauer des Trommelns dient offenbar als Indikator für die Qualität der Männchen. Tatsächlich konnte nachgewiesen werden, dass bessere Trommler eine höhere Überlebensrate aufwiesen. Außerdem wurde gezeigt, dass die Männchen ihre Trommelfolgen aktiv synchronisieren, und dass Weibchen in Abhängigkeit von der Populationsgröße entweder die ersten oder die letzten Trommler bevorzugen.

Ein Beitrag von Dr. Christoph Muster
Der Zoologe ist Spezialist für Spinnentiere und hat an der Erstellung von Checklisten und Roten Listen auf Bundes- und Landesebene mitgewirkt.
Kontakt: www.christoph-muster.de

Ein Männchen des Trommelwolfs (Hygrolycosa rubrofasciata) schreitet im sonnenbeschienenen Bruchwald zur Balz. Foto: Dr. Joergen Lissner

Ein Männchen des Trommelwolfs (Hygrolycosa rubrofasciata) schreitet im sonnenbeschienenen Bruchwald zur Balz.

Foto: Dr. Jørgen Lissner

Die Rote-Liste-Bewertung

Weitere Informationen zur Rote-Liste-Bewertung des Trommelwolf (Hygrolycosa rubrofasciata) – inklusive Bestandssituation, kurz- und langfristiger Bestandstrend sowie Verantwortlichkeit Deutschlands für die weltweite Erhaltung dieser Art – finden Sie im Steckbrief.

Die bundesweiten Roten Listen dokumentieren auf wissenschaftlicher Grundlage und in verdichteter Form die Gefährdung der heimischen Arten. Damit sind sie ein stets verfügbares Fachgutachten, ein Frühwarnsystem für die Entwicklung der biologischen Vielfalt und eine Argumentationshilfe für umweltrelevante Planungen. Rote Listen zeigen den vordringlichen Handlungsbedarf im Artenschutz auf.

Quellen/Rote-Liste zum Artikel

Aktuelle Rote Liste

Blick, T.; Finch, O.-D.; Harms, K.H.; Kiechle, J.; Kielhorn, K.-H.; Kreuels, M.; Malten, A.; Martin, D.; Muster, C.; Dietrich, N.; Platen, R.; Rödel, I.; Scheidler, M.; Staudt, A.; Stumpf, H. & Tolke, D. (2016): Rote Liste und Gesamtartenliste der Spinnen (Arachnida: Araneae) Deutschlands. – In: Gruttke, H., Balzer, S., Binot-Hafke, M., Haupt, H., Hofbauer, N., Ludwig, G., Matzke-Hajek, G. & Ries, M. (Bearb.): Rote Liste der gefährdeten Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Band 4: Wirbellose Tiere (Teil 2). – Bonn (Bundesamt für Naturschutz). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (4): 383–510.

Weiterführende Literatur

Dolejš, P. (2013): Do really all wolf spiders carry spiderlings on their opisthosomas? The case of Hygrolycosa rubrofasciata (Araneae: Lycosidae). – Arachnologische Mitteilungen 45: 30–35.

Kotiaho, J.S., Alatalo, R.V., Mappes, J. & Parri, S. (2004): Adaptive significance of synchronous chorusing in an acoustically signalling wolf spider. – Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 271: 1847–1850.

Köhler, D. & Tembrock, G. (1987): Akustische Signale bei der Wolfsspinne Hygrolycosa rubrofasciata (Arachnida: Lycosidae). – Zoologischer Anzeiger 219: 147–153.

Kronestedt, T. (1996): Vibratory communication in the wolf spider Hygrolycosa rubrofasciata (Araneae, Lycosidae). – Revue Suisse de Zoologie, hors serie: 341–354.

Parri, S., Alatalo, R.V., Kotiaho, J.S., Mappes, J. & Rivero, A. (2002): Sexual selection in the wolf spider Hygrolycosa rubrofasciata: female preference for signal length and pulse rate. – Behavioral Ecology 13: 615–621.

Rivero, A., Alatalo, R. V., Kotiaho, J. S., Mappes, J. & Parri, S. (2000): Acoustic signalling in a wolf spider: can signal characteristics predict male quality? – Animal Behaviour 60: 187–194.

Trommelwolf (Hygrolycosa rubrofasciata)

Rote-Liste-Kategorie: Gefährdet